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“(K)Eine Zukunft für Freie Radios?” Unter diesem Titel stand eine Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Freier Radios (BFR) bei der 7. Linken Medienakademie am 12.03.2010 in Berlin.

Freie Radios gehören zu den ältesten Formen emanzipatorischer
Medienarbeit. Politische Gegenöffentlichkeit, mutter- und
mehrsprachliche Programme sowie musikalische Subkulturen sind an rund
zwei Dutzend Standorten im Bundesgebiet via UKW hörbar. Nicht so in
Berlin. Hier konnte bisher keine dauerhafte Sendelizenz durchgesetzt
werden. Nun deutet sich aber eine Änderung an:
Ende 2009 wurde eine Frequenz zur Nichtkommerziellen Nutzung
ausgeschrieben, die zumindest stundenweise Freies Radio in Berlin
ermöglichen könnte. Dem Silberstreif in Berlin steht die Dämmerung
in Sachsen gegenüber. Dort droht den drei Freien Radios (in Dresden,
Leipzig und Chemnitz) aus finanziellen Gründen das akute ‘Aus’. Hier
fehlt der politische Wille, demokratische Kommunikation im Hörfunk durch
Gebührenfinanzierung zu fördern. Stattdessen heißt es, partizipative
Medienarbeit könne man auch im Internet machen. Was es bedeutet, ins Web
‘abgeschoben’ zu werden, hat Radio Flora in Hannover bereits vor einem
Jahr erfahren müssen.

In wie fern sind solche politischen Rahmenbedingungen eine Beschneidung
der Kommunikationsfreiheit? Sind Freie Radios für linke Bewegungen noch
zeitgemäß? Ist Gegenöffentlichkeit überhaupt machbar, wenn sie an
öffentlicher (in diesem Fall der GEZ) Förderung hängt?

Teilnehmer: Andreas March (Radio Blau, Freie Radios Sachsen), Johannes Wilms (mikro.fm Berlin), Hubert Brieden (Radio Flora), Moderation: Steffen Käthner (BFR)

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Quelle: FRN

Aus Anlaß der Zukunftswerkstatt Bürgermedien bietet sich ein Blick in die Geschichte des Radios in Deutschland, insbesondere in Kombination mit Piratensendern, Freiem Radio und Offenen Kanälen an. Selbst in einem kurzen Überblick, wie ihn meine Präsentation bietet, zeigen sich schnell strategische Kontinuitäten in der Argumentation. Aber nicht nur das: wenn man in den Begriff “Bürgermedien” auch das Internet, insbesondere die Blogosphäre, einbezieht, zeigen sich schnell Parallelen zur Geschichte Freier Radios.

Diesen Parallelen und Kontinuitäten möchte ich gerne nachspüren. Zum Beispiel:
- Kontinuität: Oft werden Offener Kanal und Freies Radio in der politischen Auseinandersetzung gleichgesetzt. Das Recht auf eine eigene Frequenz und Finanzierung Freier Radios wird argumentativ mit dem Hinweis auf die Existenz oder einen zu gründenden Offenen Kanal verwehrt. Das scheint als politische Strategie seit Anfang der Achtziger Jahre in Freiburg zu funktionieren. Dort selbst, wie die Existenz von Radio Dreyeckland zeigt, jedoch ohne Erfolg.

- Parallele: Insbesondere zu den Radiotheorien, aber auch zu weiteren Themen, die sich in den Inputs zur Zukunftswerkstatt spiegeln, zeigen sich ähnliche Themen wie sie auch in bzw. durch “die” Blogosphäre im Internet angerissen werden. Scott Rosenberg beschreibt in seiner 2009 auf Englisch erschienenen Geschichte des Bloggens “Say Everything” Blogs als “unedited voice of a person”, eine deutliche Parallele zum Anspruch der Gegenöffentlichkeit von Freien Radios.

Eine weitere Entwicklung kommt in’s Spiel, wenn man Informationsstrategien im Internet betrachtet: die vorhandene Information muss gefiltert werden, um einem Information Overflow zu entgehen. Die Filter werden nach persönlichen Vorlieben gesetzt. Dabei entsteht die Gefahr, in ein sog. “Personal Echo Chamber” zu geraten, Information, die nicht in den Filtern vorgesehen ist, entfällt aus dem Wahrnehmungshorizont. Hier können Freie Radios als dritte Säule in der Medienlandschaft eine Alternative darstellen.

Darüberhinaus würde ich meine kleine Chronologie gerne um Äthertäter aus Ostdeutschland ergänzen. Falls jemand Hinweise hat, immer her damit :-)

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“Vergangenheit von Piratensendern und Zukunft von Bürgermedien” von Regine Heidorn, ist als Input für den Nachmittag des zweiten Tages der Zukunftswerkstatt geplant.

Es sind nicht selten soziologisch ungeklärte Fragen nach Formen des Gemeinschaftlichen, die uns in community media begegnen. Guido Zurstiege hat im Anschluss an S.J. Schmidt entsprechende Gemeinschaftsideen anschaulich als „operative Fiktionen[1] beschrieben. Damit sind nicht nur bewusste Spielereien mit den utopischen Gehalten von Gemeinschaft gemeint, sondern gerade die alltäglichen Operationen, die mithilfe und unter Bezug auf derartige Ideengehalte stattfinden.

Das gerade innerhalb der weltweit so genannten Community-Medien Beschreibungen der jeweils zugrundeliegenden Ideen mit Beschreibungen des Ist-Zustandes durcheinander fließen, verwundert nicht, sollte aber als Problem beachtet werden.

Einen sehr guten, differenzierten und aktuellen Überblick zu community media bietet das eher unscheinbar klingende Buch „Notions of Community“, welches 2009 von Janey Gordon herausgegeben wurde.[2]

Regionale Schwerpunkte des Buches sind Großbritannien und Australien, ergänzt durch einige interessante Beobachtungen zu Online-Communities oder zur Forschungspraxis in diesem Themenfeld selbst. Während etwa Lawrie Hallett aus eher regulativistischer Sicht die Institutionalisierung von community radio in der britischen Radiolandschaft beschreibt (medienpolitischer Ausgangspunkt ist hier die Community Radio Order aus dem Jahr 2004), fragt Saba Elghul-Bebawi nach dem konkreten Verhältnis zwischen Mainstream- und Alternativmedien. Die vermeintliche Dichotomie löst sich bei ihr – wenn man das so sagen kann – in lesenswerter Form auf, da sie jenseits gängiger Ideologien von objektivem Journalismus auf der einen und ‚Alternativität‘ unabhängiger Sende- und Produktionsgemeinschaften auf der anderen Seite argumentiert. Unter Verweis auf verschiedene postmoderne Theorien steht bei ihr am Ende die These von der Notwendigkeit der ‚Alterität‘, die Community-Medien mitbringen müssten, um den gesellschaftlichen Kommunikationsraum sinnvoll erweitern zu können. Dass dies nicht unrealistisch ist, zeigt z.B. der Beitrag von der Herausgeberin Janey Gordon, die hier eine Kurzfassung ihrer vergleichenden Forschungsarbeit über community radios in Großbritannien und Australien präsentiert. Neben der Frage nach Finanzierungsmodellen interessiert sie sich auch für das hinter konkreten Stationen stehende Selbstbild. Dass zwischen den beiden Punkten eine funktionale Beziehung besteht, kommt dabei nicht überraschend, liest sich aber, vor allem vor dem Hintergrund der im deutschsprachigen Raum bisher vorherrschenden hypostasierenden Community-Media-Beschreibungen erfrischend direkt. Einen eher kritischen Blick wirft Gavin Stewart auf das Konzept der community (127ff.). Zwar stellt er das Bedürfnis danach nicht in Frage, doch betont er in seinem Text die negativen Aspekte von Online-Communities, die er im großen Stile auf Marketingfunktionen ausgerichtet sieht. Erfreulich ist, dass er nicht nur allgemeine Behauptungen aufstellt (das hat man schon oft gelesen), sondern seine Thesen mit zahlreichen konkreten Beispielen und Zitaten belegt (im Übrigen eine generelle Stärke des Buches!). Alle AutorInnen profitieren dabei von dem Realexperiment, was seit 2004 in Großbritannien mit Einführung einer dritten, unabhängigen Säule im Rundfunksystem zu beobachten ist. Dieses ist weder abgeschlossen – aktuell gibt es eine weitere Zulassungsrunde für community radios – noch kann von den aktuell sendenden Radios gesagt werden, was aus ihnen werden wird, ob die jeweils dahinterstehende Idee der community in jedem einzelnen Fall so konkret ist, dass eine langfristig stabile Struktur entsteht. Denn von einer dauerhaften gesicherten Existenz können die wenigstens sendenden Radios in GB bisher ausgehen. (So hat etwa das Forest of Dean-Radio, was nach mehreren Vorstufen 2005 das erste offiziell lizenzierte community radio war, seinen Sendebetrieb Ende 2009 aufgrund fehlender Geldmittel eingestellt.) [3]

Definitionen von community finden sich in den zugehörigen medienpolitischen Abläufen in beachtlicher Zahl. Die spannende Frage ist aber sicher, auf was eine mediensoziologische Analyse des Phänomens träfe, wenn sie diesen legislativen Definitionen nachginge. [4] Denn zu genau sollte man es mit den Definitionen (gerade mit Hinsicht auf einen internationalen Vergleich) nie machen, zu unterschiedlich sind die (medien-)politischen Vorzeichen, unter denen sich die ‚dritte Säule‘ zu etablieren sucht. Und selbst dass es die ‚Dritte‘ ist, kann nicht in jedem Land der Welt als sicher gelten.

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[1] Zurstiege, Guido: Wishful Thinking. Questioning the Operative Fiction of Media Communities, in: Hipfl, Brigitte/Hug, Theo (Hg.): Media Communities, Münster/New York 2006, S. 62

[2] Janey Gordon (Ed.): Notions of Community. A Collection of Community Media Debates and Dilemmas. New York, Berlin et al.: 2009

[3] Vgl.: „Original Community Station Closes“, in: RadioToday, 23.11.09, http://radiotoday.co.uk/news.php?extend.5389

[4] Die Republik Irland hat sich bei der Implementierung von community radio die wenigste Mühe gemacht: Man übernahm bei der legislativen Definition des Gegenstandes schlicht die Charta von AMARC.

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Sven Thiermann aus Potsdam ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher über den nichtkommerziellen Rundfunk:  “Freie Radiostationen.  Aktuelle Frequenzen, Programme, Sendezeiten” (2005), “Von der Kür zur Pflicht? Perspektiven der Nichtkommerziellen Lokalen Hörfunks” (2005) oder “Relating Radio. Communities. Aesthetics. Access. Beiträge zur Zukunft des Radios” (2006) (Link) und wird am zweiten Tag der Zukunftswerkstatt über die aktuelle Situation von Community Radios in Großbritannien berichten.


Die Entstehungsgeschichte der Bürgermedien ist ideengeschichtlich in Deutschland stark mit den neuen sozialen Bewegungen (NSB), also z.B. Umwelt- und Friedensbewegung sowie einer Vielzahl von Bürgerinitiativen, den daraus hervorgegangenen Alternativmedien und dem in der damaligen Zeit geprägten Konzept der Gegenöffentlichkeit verbunden. So vielfältig wie die Themen, Ziele und Organisationsformen der NSB, so unüberschaubar haben sich dabei auch alternative Medien entwickelt. Als Artikulations- und Selbstdarstellungsmedien kompensieren sie einerseits das Kommunikationsbedürfnis der lokalen und regionalen, sozialen und kulturellen Gruppen, andererseits bilden sie den Knotenpunkt lokaler Gegenöffentlichkeiten. Alternative Medien sollen grundsätzlich eine Option zu den ,etablierten’ Medien bieten.[i] Durch ergänzende und korrigierende Berichterstattung sollen diese zu einer Erweiterung des Informationsspektrums und zu einer liberalen Öffentlichkeit beitragen.[ii] Dieses Ziel gesellschaftlicher Gegenthematisierung findet sich schon bei den Klassikern gesellschaftskritischer Medientheorie. So fordert Brecht (2002 [1932]) in seiner Radiotheorie, den Rundfunk von einem Distributions- in ein Kommunikationsmedium umzuwandeln, was schon damals letztlich auf die Aufhebung institutionalisierter Kommunikator- und Rezipientenrollen abzielte (vgl. ausführlich Wimmer 2007: 167ff.), und was erst durch den heutigen technischen und medienstrukturellen Wandel scheinbar erreichbar scheint (Stichwort „Mitmachnetz“). Dem vorherrschenden „repressiven Mediengebrauch“ setzt Enzensberger (1970) sein Verständnis eines „emanzipatorischen Mediengebrauchs“ gegenüber, auf das sich die Kommunikationsmodelle und Produktionsstrukturen vieler alternativer Medien gründen: Durch dezentralisierte Programme, kollektive Produktion und gesellschaftliche Kontrolle der Medien mittels Selbstorganisation soll die Authentizität der Massenkommunikation und deren Inhalte erreicht werden.

Als kleinster gemeinsamer Nenner können zwei Eigenschaften gelten, die konstitutiv für alternative Medien sind und auch als Leitbilder für den Bürgerrundfunk wirkmächtig sind: Aus der Kritik an der herkömmlichen journalistischen Produktionsweise und Berichterstattung heraus entwickelte sich eine alternative Art und Weise sowohl der (Medien-) Produktion als auch der (Medien-) Kommunikation, d.h. den Inhalten (vgl. Atton, 2001: 24; 2002: 27; Eurich, 1980: 17ff.) Jeder soll nun mitreden können bei der Produktion von alternativen Medien wie z.B. Stadtteilzeitungen oder freien Radios (= Prinzipien des Offenheit und der Partizipation). Dem Selektionsverhalten der etablierten Medien sollten einerseits die Behandlung ‚ausgegrenzter’ und ‚unliebsamer’ Themen entgegengesetzt werden. Andererseits sollten die Arbeitsstrukturen unhierarchisch und möglichst unabhängig vom kapitalistischen Wertesystem sein (z.B. Weichler, 1987: 356).

Seit Anfang der Siebzigerjahre entwickelten Neue Soziale Bewegungen (NSB) in Westeuropa und Nordamerika Strukturen einer solchen alternativen Öffentlichkeit, die sich im Aufbau von Informationsdiensten, Buchläden und Radios manifestierte und somit eine Form von Medienöffentlichkeit darstellt (vgl. Atton, 2002; Stamm, 1988). Die Rundfunkliberalisierung und das rasante Wachstum des Internets verschafften den alternativen Medien noch in den Achtzigerjahren eine konstante Dynamik. War zu Beginn alternative Öffentlichkeit auf den Bereich der Printmedien beschränkt, entstanden durch Freien Radios, Offene Kanäle oder Videogruppen neue alternative (Medien-)Öffentlichkeiten.

Die verschiedenen alternativen Medien und damit auch der Bürgerrundfunk sehen sich im Zuge der gesellschaftlichen und technischen Veränderungen aber auch zunehmend mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. So kann Dorer (1995) für die Neunzigerjahre feststellen, dass Kommerzialisierung, Institutionalisierung und das medienpolitische Agieren staatlicher Akteure ihre Auswirkungen auf idealistische Konzepte alternativer Medien zeigen. Die Alternativpresse erlitt gerade im Verlauf der Achtzigerjahre einen fundamentalen Funktionsverlust, da die bisherige Korrektivfunktion im Meinungsspektrum verlorengeht.[iii] So greifen z.B. die etablierten Medien die Themen und die Stilelemente der „subjektivistischen“ Berichterstattung der alternativen Presse auf und professionalisieren sie (z.B. Stamm 1988: 248; Weichler, 1987: 379ff.). Mit dem Niedergang einiger NSB bricht auch das dialogorientierte Kommunikationsideal vieler alternativen Medien auseinander (Stamm 1988: 249). Auch müssen die alternativen Medien im Verlauf ihrer Institutionalisierung zunehmend zahlreiche Hindernisse meistern, an denen viele Projekte scheitern, wie z.B. hohe physische und psychische Beanspruchung der alternativen Medienmacher durch Mehrfachbelastungen, ungesicherte ökonomische Basis, geringe Publikumsakzeptanz, interne Zensur, Fluktuation der Medienmacher, fehlende Bereitschaft zur Fortentwicklung und Anpassung der Projekte und v.a. eine geringe Qualität der Medienprodukte, usw. (für einzelne empirische Befunde vgl. z.B. Harcup 1998, Dorer 1992, Makagon 2000, Oy 2005: 49f., Weichler 1987: 355ff.).

So kann Rucht (1994: 350, ähnlich auch Holtz-Bacha 1999: 345f., Sösemann 1999: 672ff., Weichler 1987: 395) zu Recht kritisch anmerken, dass das Konzept Gegenöffentlichkeit „[...] weder in ihrer Bedeutung noch in ihrer Qualität zu einem wirklichen Gegenpol etablierter Öffentlichkeit avancieren konnte.“ Mehr noch: „[...] Kommerzialisierungs- und Professionalisierungstendenzen auf Seiten vieler ‚alternativer’ Medien haben die ursprünglichen Grenzziehungen zwischen beiden Öffentlichkeitssphären weitgehend verwischt.“

Das hat auch Auswirkungen auf die Definition alternativer Medien als „alternativ“, da sich aktuell im Zuge der Medienentwicklung eine Vielzahl von massenmedialen Optionen ergeben, und die alternativen Medien nicht wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren als alleinige Alternative zu einer Art monolithischen Mediensystem gesehen werden können. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Bürgerrundfunk, der aktuell zahlreich in den einzelnen Bundesländer, allerdings mit recht unterschiedlichen Formen und Zielsetzungen vertreten ist (vgl. Pinseler 2001 für eine Unterscheidung von NKL, OK und freien Radio). Ein rasantes Wachstum in 1990er Jahren erscheint nun aktuell eher von einem Bemühen um Konsolidierung abgelöst (vgl. ALM 2005). Trotz großer quantitativer und qualitativer Unterschiede lassen sich idealtypisch wesentliche Anforderungsmerkmale an Bürgerrundfunk feststellen, die ihn inhaltlich und strukturell von öffentlich-rechtlichen oder privat-kommerziellen Rundfunkveranstaltern unterscheiden lassen (Buchholz 2001: 474, Buchholz 2003: 75, BV BAM 2007):[iv]

  • offene und diskriminierungsfreie Zugangangebot an Einzelne und Gruppen zur Programmgestaltung, wobei die konkrete Zugangsoffenheit unterschiedlich stark ausgeprägt ist,
  • eine alternative Herangehensweise an die Gestaltung von Sendungen bzw. Programmen,
  • mit dem Ziel, Themen auf die Agenda zu setzen, die andere, etablierte Medien im (lokalen) Kommunikationsraum vernachlässigen,
  • die lokale bzw. regionale Verbreitung der Programm und die damit verbundene Bürgernähe sowie publizistische Ergänzung des regulären Berichterstattung,
  • Vermittlung praktischer Medienkompetenz und partizipativer Medienarbeit an Laien sowie der
  • Grundsatz der Gemeinnützigkeit, Nichtkommerzialität und Werbefreiheit von Sendungen bzw. Programmen.

Allen Angeboten ist gemeinsam, dass sie jedem Bürger den unmittelbaren Zugang zu den Medien eröffnen möchten. Aus Sicht der Landesmedienanstalten soll es so prinzipiell breiten Bevölkerungsschichten ermöglicht werden, einen praktischen Einblick in die Art und Weise der Medienproduktion zu nehmen: „Mittels des ‘learning by doing’-Prinzips kann so jeder interessierte Bürger in einem Team von Gleichgesinnten seine eigenen Hörfunk- und Fernseherfahrungen machen, z.B. hinsichtlich des Einsatzes von Technik, des kreativen Umgangs mit Sprache, der Organisation und Durchführung einer Produktion bzw. des Sendeablaufs oder auch der Reaktionen eines größeren Publikums auf die eigenen Meinungsäußerungen.” (http://www.lfm-nrw.de/buergermedien/partizipativ.php?skin=1)

Bürgerrundfunk gewinnt dabei aktuell u.a. neue Bedeutungen besonders für Migranten und andere benachteiligte Gruppen. Einerseits mit ihrer traditionellen Rolle ‚den Stimmlosen eine Stimme’ zu geben. Andererseits aber auch im Sinne der kritischen Pädagogik nach Henry Giroux stellen sie wichtige dialogorientierte Lernorte für multiple Kompetenzen dar, die geeignet sind, die kritische und selbstbestimmte Handlungsfähigkeit benachteiligter Gruppen und Individuen zu erweitern (Wimmer 2009). Bürgerrundfunk kann damit die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen aufgreifen und Formen des public service von unten erfüllen. Mit ihrer mehrsprachigen Programmgestaltung bilden viele Sender wichtige soziale Knotenpunkte und fördern den sozialen aber auch interkulturellen Dialog.

Die Herausforderungen bei der künftigen Ausgestaltung des Bürgerrundfunks sind im Sinne der oben skizzierten Problembereiche alternativer Medien vielfach beschrieben (z.B. ALM 2005, Paukens 2008, Schäfer 2009). Eine der größten Herausforderung neben der Digitalisierung und dem Gender Mainstreaming wird es sein, die gesellschaftliche Anerkennung zu sichern, die letztendlich notwendig ist, um auch die wirtschaftliche Existenz als innovative Medien mit offenem Zugang zu sichern. Buchholz (2003: 83) folgend können diese Herausforderungen an den Bürgerrundfunk, das für ihn ein „zartes Pflänzchen“ darstellt, vor dem Hintergrund der Qualitätsfragestellung konkretisiert werden: Bürgermedien müssen ihre Arbeit professionalisieren, d.h. Programmleistungen mit Hinblick auf Erwartungshaltungen des Publikums aber auch ihrer Macher stetig verbessern. Qualitätssicherung bedeutet aber nicht inhaltliche und strukturelle Orientierung an etablierte kommerzielle und öffentlich-rechtliche Hörfunkanbieter, sondern eher ein permanenter Prozess der Ermöglichung des Einlösens der spezifischen Programmphilosophien des Bürgerrundfunks im Allgemeinen wie u.a. Hörer- und Partizipationsorientierung, Bürgernähe, Gegenöffentlichkeit/alternative Kommunikationsprozesse und lokale Identität (vgl. Merz 1998) sowie Freier Radios im Spezifischen wie v.a. Entzauberung des Mediums, Sprachrohr von Akteuren, Sprache des Alltags und subjektive Positionierung (vgl. Pinseler 2001). Gerade die Integration der „egalitären Strukturen“ neuer digitaler Medientechnologien ermöglicht den Bürgerrundfunk mehrerlei: den direkten Dialog von Sender und Empfänger, den räumlich unabhängigen Austausch von Informationen, die nationale und internationale Vernetzung, Kooperation und Koordination. Ein relativ erfolgreiches Beispiel erscheint dabei das Pilotprojekts „Mediathek Thüringen”.

„Qualität“ umfasst dabei aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive grundlegend zwei Dimensionen: (1) die objektive Qualität, also die materielle Beschaffenheit einer Sache, die empirisch feststellbar ist und (2) die subjektive Qualität, die interpretativ ergründet werden muss. Rosengren et al. (1991: 24) definieren Qualität normativ als Grad der Erfüllung von Normen und Werten. „Quality then is one or more characteristic satisfying certain standards backed up by more or less central values and norms.“ Die Basis für jede Beurteilung sind demnach die jeweils für ein Medium spezifisch geltenden Werte und Normen. Zur Beurteilung von Programmqualität kann also kein einheitliches Wertesystem herangezogen werden, denn je nach Betrachter fließen unterschiedliche Wertvorstellungen ein, so dass gerade bei der Beurteilung von Qualität in Rundfunkprogrammen verschiedene Wertesysteme in Betracht kommen. Schatz und Schulz (1992: 690) folgend können hier (mindestens) vier Dimensionen differenziert werden: (1) politische Werte, (2) professionelle Werte der Medienmacher, (3) Werte allgemeiner Ästhetik und (4) Werte des Publikums.

Da der Qualitätsbegriff auf verschiedenen Ebenen der medialen Produktion Geltung findet, sind auch die Qualitätsansprüche, die an das Medium gestellt werden, stark differenziert. Als konkrete prozessbegleitende und korrektive Prozesse der Qualitätssicherung im Rahmen des Bürgerrundfunks sind vor allem Planungsinstrumente, das „Gegenlesen“ bzw. der Vorgang der Beitragsabnahme, Formen der Sendungskritik, Sendungsmonitoring oder der Umgang mit Publikumsreaktionen bzw. Ombudsstellen zu nennen. Ein zentrale Rolle spielt dabei ein – oftmals erst zu etablierendes – mediales Qualitätsmanagement. Ein Qualitätsmanagement, das sich ausschließlich am Markt orientiert, ist für die MacherInnen der Bürgermedien ungeeignet, da es deren publizistisch ausgerichteter Motivation nicht entspricht. Zudem besteht die Gefahr, dass die kreativitätsfördernden Produktionsstrukturen beseitigt werden. Somit sind betriebswirtschaftliche Managementkonzepte für Bürgermedien in der Regel weniger geeignet, da mit ihnen die Gefahr einhergeht, „dass bei der journalistischen Produktion Leistungsbewertungssysteme eingeführt würden, deren Qualität nur ökonomische, nicht aber publizistische Relevanz aufweisen.“ (Wyss 2002: 156)

Allgemein ist hierbei von Bedeutung, dass Qualitätssicherungsmaßnahmen auf die Bedingungen und Strukturen der Bürgermedien abgestimmt sein sollten. Ein gutes mediales Qualitätsmanagement zeichnet sich dadurch aus, dass es zu den angestrebten Qualitätszielen passt. Es geht nicht darum, möglichst alle Instrumente eines journalistischen Qualitätsmanagements einzusetzen, sondern sie möglichst sinnvoll, in Bezug auf das Medienangebot und die Bedingungen der jeweiligen Medienproduktion, anzuwenden. Ein Qualitätsmanagementansatz ist also dann geeignet, wenn er das Potenzial besitzt, die Eigenrationalität eines Mediums bzw. das objektive wie auch subjektive Leitbild der Bürgermedien zu berücksichtigen. Zwar muss er über ein hohes Systematisierungs- und Steuerungspotential verfügen, darf aber gleichzeitig nicht einengend wirken (vgl. Wyss 2000: 4f.). Ein modifiziertes Konzept des Total Quality Management (TQM) könnte hierfür einen Ansatz darstellen, da es nicht nur auf ökonomischen Denkprozessen und Entscheidungen beruht, sondern auch andere Kriterien einbezieht (vgl. Wyss 2002: 149ff., Frehr 1994: 32; Kamiske/Hahne 2000: 47):

  • „Total“ bezieht sich auf sämtlich Anspruchsgruppen des Bürgermediums, die in die Qualitätsverbesserung einbezogen werden müssen und macht deutlich, dass sich dieses Qualitätsmanagementkonzept sowohl an den Machern als auch am jeweiligen Publikum orientiert.
  • „Quality“ bezieht sich auf die Qualität der Organisations- und Kommunikationsprozesse. Es liegt hier die empirisch gesicherte Erkenntnis zugrunde, dass sich eine Optimierung der Produktionsstrukturen und -prozesse innerhalb eines Mediums qualitätssichernd auf deren Medienprodukte auswirkt.
  • „Management“ kann als ein Prozess verstanden werden, bei dem die Qualitätsverbesserung mit Hilfe von Planungs-, Steuerungs- und Kontrolltätigkeiten in einem dialogorientierten Verfahren unterstützt wird.

Anmerkungen


[i] Die Begrifflichkeit des ‚alternativen’ Mediums verweist darauf, dass es nur in Relation zum ‚etablierten’ oder ‚vorherrschenden’ Medium denkbar ist.

[ii] So betont die britische Royal Comission on the Press (1977: 40) die demokratiefördende Funktion der „[…] multiplicity of alternative publications [that] suggest satisfaction with an insufficiently diverse established media, and an unwillingness or inability on the part of major publications to provide space for the opinions of small minorities.”

[iii] Die autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe et al. (2001: 190f.) führen diesen Funktionsverlust v.a. auf die fehlende öffentliche Resonanz bestimmter politischer issues wie z.B. Atomenergie, über die alternative Medien hauptsächlich berichteten. Anders formuliert: Alternative Medien hätten anfangs Anklang gefunden, weil ihre Themen in der öffentlichen Debatte standen, nicht umgekehrt.

[iv] Die Expertengruppe Offener Kanal der Bundeszentrale für politische Bildung formulierte schon 1979 für Offene Kanäle folgende Zielsetzungen: „Qualifizierung der lokalen Kommunikation“, „unterrepräsentierten Personen, Perspektiven und Bedürfnissen den Weg zur Teilhabe am öffentlichen Leben zu ebnen“ sowie die „kommunikative Kompetenz der Rezipienten gegenüber den Massenmedien bzw. öffentlicher Kommunikation zu stärken“ (BpB 1980: 30).


Literatur:

ALM (2005): Zur Konsolidierung der Bürgermedien in Deutschland Gemeinsame Herausforderungen von Bürgermedien und Landesmedienanstalten.http://www.alm.de/fileadmin/Download/Positionen/Konsolidierung_Buergermedien.pdf

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Wyss, V.(2002): Redaktionelles Qualitätsmanagement. Ziele, Normen, Ressourcen. Konstanz.

Autor: Jun.-Prof. Dr. Jeffrey Wimmer (TU Ilmenau). Kontakt

Das vor wenigen Tagen erschienene Buch “Linke Kommunikation Kommunikation mit links?” dokumentiert einserseits die Linke Medienakademie, versucht aber auch Themen zu setzen, die sowohl MedienmacherInnen, als auch politisch Aktive bzw. Verantwortliche interessieren dürften. In den insgesamt 14 Artikeln geht es beispielsweise um politische Medienarbeit, das symbiose Verhältnis zwischen Medien und Politik, den Umgang mit Mainstreammedien oder die Selbstorganisation von linken Medienprojekten. Die Spannweite reicht von Einführungen und Selbstvorstellungen bis hin zu kritisch reflektierenden Ansätzen zu “linker Kommunikation”.  Es finden sich Artikel über die taz-Genossenschaft, die Zeitschrift für selbstorganisation CONTRASTE,  nachhaltiges Design, Fragen des Urherberrechts und  zu Creative Commons oder eine Einführung ins Mikrobloggen.  Eingeschoben sind auch Essyas zu partizipatorischer Kampagnenführung und eine Anregung zu einer neuen Wertedebatte in der Linken. Aufrufe wie: “Vernetzt Euch!” oder “Schafft Partizipationsräume” lassen  sich in Zeiten von Web 2.0 eben wieder neu beleben und machen aber auch den immer  undeutlicher werdenden Funktionsbegriff deutlich, den man Medien bisher zuschreibt. Der alternativen Radiopraxis wurde auch ein Artikel gewidmet, den wir hier dokumentieren wollen:

Freie Radios sind keine Selbstverständlichkeit

von Stefan Tenner

Der „Aufstand“ beginnt um 7 Uhr. Den morgendlichen Klängen zur „Motivation für Ohren, Kopf und Beine“ folgen kurz nach 8 Uhr die Nachrichten. Die ersten Gäste kommen ins Studio oder werden per Telefon zugeschaltet. Die Unmittelbarkeit des Jetzt und Hier ist zu spüren. Thematisch geht es heute um die Vorratsdatenspeicherung, einen neuen Bericht zu deutschen Rüstungsexporten oder die Unibesetzung in der Stadt. Zwischendurch wird Musik angekündigt, die man im Äther sonst vergeblich suchen würde. Danach beginnen thematische Sendungen. Ob zu Umwelt oder Literatur, auch Muttersprachliches ist dabei. Die Vielfalt der anschließenden Musiksendungen ist ebenso groß. Handverlesenes abseits des Mainstream wird hier vorgestellt, bevor dann 13 Uhr das Mittagsmagazin beginnt.

So sieht Radioalltag bei CORAX in Halle aus. Rund um die Uhr  machen hier seit fast zehn Jahren  insgesamt mehr als 150 Enthusiasten alternatives Freies Radios. Bundesweit gibt es 30 dieser Initiativen, die sich den Zugang zu Lizenzen in die legale Sendepraxis oft hart erstreiten mussten. Freie Radios sind nach wie vor etwas Besonderes – von unten gewachsen, selbstorganisiert, partizipativ und gesellschaftskritisch, offen für Minderheiten und Subkultur. Das föderale Mediensystem hat aber auch eine Vielzahl anderer Modelle nichtkommerziellen Hörfunks hervorgebracht, die in einigen Bundesländern ‘von oben’ eingeführt auch in Konkurrenz zu Freien Radios stehen.

Neben den großzügig geförderten Offenen Kanälen, die teilweise noch von den Landesmedienanstalten betrieben werden, gibt es auch Bürgerradios, etwa nach dem niedersächsischen Modell, das auf publizistische Ergänzung abzielt. Der Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen mit seinen Radiowerkstätten wurde dagegen 2007 drastisch eingeschränkt. Fremde Sprachen oder hörerfreundliche Sendezeiten sind hier mittlerweile passé. In Sachsen und Bayern setzt die Medienpolitik auf die Förderung von Aus-, Fortbildungs-, und Erprobungskanälen. In Baden-Württemberg sind es sogenannte Lernradios, die zwischen Freien Radios und der Medienanstalt wiederholt zu juristischen Auseinandersetzungen geführt haben. Nicht zu vergessen schließlich die Campus- und Uniradios in vielen Städten. Im Saarland, in Rheinland-Pfalz oder Brandenburg wird gleich komplett auf nichtkommerzielles Radio verzichtet. So vielfältig, aber gleichzeitig auch uneinheitlich organisiert kein europäisches Land seine nichtkommerziellen Radios, deren Anzahl bei etwa 100 liegt.

Was ihnen allen fehlt ist eine einheitliche Anerkennung als eigenständiger dritter Mediensektor. Damit wäre eine Medienvielfalt unabhängig von privat-kommerziellen Interessen und staatlichem Einfluss möglich. Garantien für eine gleichberechtigte Vergabe gut empfangbarer Vollfrequenzen und eine angemessene öffentliche Förderung für den gesamten Sektor sind nach wie vor Zukunftsmusik. Freie Radios sind mehr als 30 Jahre nach der ersten Sendung von Radio Dreyeckland in Freiburg noch immer keine Selbstverständlichkeit. Stattdessen lässt sich in Deutschland eine negative Entwicklung beobachten, erst recht im europäischen Vergleich:

In Großbritannien wurde beispielsweise der Sektor 2005 anerkannt, der Zugang zu lokalen und sublokalen Frequenzen liberalisiert und seitdem mehr als 200 sogenannten Community Radios eine Lizenz erteilt. BBC und Community Medien haben mittlerweile gemeinsame Absprachen getroffen und ein ‘Memorandum of Understanding’ verabschiedet. Allerdings fehlt bislang auch in Großbritannien der politische Wille den „Community Media Fund“ zur Finanzierung der Sender angemessen auszustatten und nur eine Minderheit der neu entstandenen Sender verortet sich als emanzipatorisches oder gegenöffentliches Medium.

Hierzulande ging im gleichen Zeitraum lediglich  in Mecklenburg-Vorpommern ein neues Freies Radio dauerhaft auf Sendung. Im Nachbarland Niedersachsen weigerte sich die Landesmedienanstalt NLM 2007 Radio Flora in Hannover nach 16 Jahren die UKW-Lizenz zu verlängern. „Unter dem Vorwand mangelnder Akzeptanz des Programms wird ein selbstorganisierter, zugangsoffener und demokratisch strukturierter Programmveranstalter vom Äther genommen.“, kritisierte der Bundesverband Freier Radios (BFR) die Entscheidung. Dokumentiert würde damit, „dass im niedersächsischen Modell des Bürgerfunks gesellschaftskritische Stimmen und offener Zugang für gesellschaftlich Benachteiligte, souveräner Medienzugang für Minderheiten und Subkulturen nicht erwünscht sind“.

Auch in Sachsen müssen die Freien Radios in Dresden, Leipzig und Chemnitz um ihre Existenz kämpfen. Welchen Wert haben ihre noch bis 2014 geltenden Lizenzen, wenn es gleichzeitig keine gesetzlich verankerte finanzielle Förderung gibt? Ende 2009 führten erst wochenlange Proteste, tausende Unterschriften und  zahlreiche Unterstützungsschreiben von Initiativen und Organisationen zu Reaktionen von Staatskanzlei und sächsischer Landesmedienanstalt. Den Radios war der sächsische Sonderweg zur Übernahme der technischen Verbreitungskosten zum Verhängnis geworden. Die bis dato zahlenden privat-kommerziellen Radios hatten die Verträge gekündigt, die Weiterfinanzierung ab 2010 war ungewiss. Die sächsische Regierung machte bei einer Diskussion im sächsischen Landtag nicht mal mehr einen Hehl daraus, die Radios ins Internet abschieben zu wollen.

Aber auch Berlin ist als Hauptstadt kein Vorbild. Die Medienanstalt betreibt zwar einen Offenen Radiokanal, ein Freies Radio ersetzt das nicht. Unabhängiges, alternatives und selbstverwaltetes Radio fehlt in Berlin nach wie vor, trotz breiter Subkultur- oder DJ-Szene. Auch das einzigartige Miteinander von Menschen verschiedenster Herkunft bildet sich im dortigen Äther kaum ab. Die Situation hat sich mit der Abschaltung des öffentlich-rechtlichen Radio Multikulti Ende 2008 noch verschärft. Deren Nachfolger und mehrere Berliner Radioinitiativen für ein Freies Radios sind dennoch aktiv, können legal aber nur im Internet oder als temporäres Veranstaltungsradio auf UKW senden. Erstmals wurde aber nun für 2010 eine Liberalisierung in Aussicht gestellt, jedoch ohne Förderzusage. „Von der Ermächtigung, allgemein nichtkommerziellen Rundfunk zu fördern, hat der Medienstaatsvertrag Berlin-Brandenburg keinen Gebrauch gemacht.“, weist auch die Medienanstalt in einer im Dezember 2009 veröffentlichten Ausschreibung für nichtkommerzielle Anbieter hin. Der Berliner Senat hatte zwar schon 2005 einer Änderung des Mediengesetzes für die Förderung Freier Radios zugestimmt, scheiterte aber an der Regierung in Brandenburg. Seit 2009 dort SPD und LINKE erstmals gemeinsam regieren, sind die Hoffnungen wieder etwas gestiegen, dass nun auch das letzte ostdeutsche Bundesland Freies Radio zulässt.

Was “Freies Radio” bedeutet

Doch dort, wo sie dann senden, erhalten nicht nur Hörerinnen und Hörer, sondern auch lokale Initiativen einen Zugang zu klassischen medialen Öffentlichkeiten. Der Anspruch ist, alle Interessierten an einen Tisch zu holen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, aber auch gezielt nach Programmverbesserungen zu suchen und für Reformen und Experimente offen zu sein. All das läuft, ohne eine Vergütung erwarten zu können. Wie flach im Einzelfall die Hierarchien sind, die realen Möglichkeit der Partizipation, aber auch die Ausschlusskriterien, handhabt jedes Radio anders. „Freies Radio bedeutet 90 % Community und 10 % Radio“ , beschreibt Nadia Bellardi die Arbeit bei Radio LoRa in Zürich. Bei CORAX entscheidet eine monatliche Redaktionskonferenz über neue Sendungen, diskutiert inhaltliche Kritik oder entscheidet Programmänderungen. Die tagesaktuellen Magazinsendungen morgens, mittags und abends sind der Versuch der Vereinzelung der Redaktionen entgegenzuwirken und einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, in den sich alle einbringen können.

Um das große Pensum und die Aktualität gewährleisten zu können, gibt es im Tagesprogramm inzwischen eine Arbeitsteilung zwischen Redaktion und Moderatorenteam. Eine bezahlte Koordinatorenstelle wurde eingerichtet. Bis auf die Geschäftsführung, Öffentlichkeitarbeit, Technikkoordination und diverse Arbeitsfördermaßnahmen, FSJ- und gelegentlichen Projektstellen läuft ohnehin alles unbezahlt. Ein andere Art der Arbeitsteilung und Kooperation gibt es aber auch überregional. Allein CORAX stellt monatlich etwa 100 Interviews und Berichte auf die Austauschplattform der Freien Radios ins Internet und strahlt auch regelmäßig Material von anderen Radios aus. Der Austausch findet auch länderübergreifend statt, mit Freien Radios in Österreich und der Schweiz. Das schon Ende der 1990er Jahre angedachte Projekt wurde 2001 gestartet, als noch niemand von Podcasting sprach. Heute ist www.freie-radios.net auf ein stattliches Archiv alternativer Berichterstattung mit über 31.000 Beiträgen angewachsen.

Dass das Potential Freier Radios weit über ein alternatives, publizistisch relevantes Medium im Lokalen hinausgeht, zeigen auch immer wieder künstlerische und politischen Radio-Interventionen im öffentlichen Raum. Die Gruppe LIGNA vom Hamburger Freien Sendekombinat (FSK) mit ihrem mittlerweile vielfach kopierten Radioballet beispielsweise, machen das immer wieder anschaulich. 2006 während der RadioREVOLTEN, dem Festival der Zukunft des Radios  in Halle, gab es einen Monat lang dutzende dieser Experimente und Interventionen um das Medium und seine heutigen Möglichkeiten auszuloten. Wenn das Radio sich tatsächlich in die Öffentlichkeit begibt und quasi von überall seine Sendungen ausstrahlt und damit auch die Hörerinnen und Hörer konfrontiert, verschwimmen klassische Rezeptionsgewohnheiten.

Was alternatives Radio zu einer “Gegenöffentlichkeit” auch heute noch beitragen kann, zeigt sich  immer wieder anschaulich bei der Berichterstattung über Bewegungen und Aktionen. Sei es beim Castor-Transport oder Demonstrationen gegen Nazis oder gegen die Vorratsdatenspeicherung. Die Sympathien zur Protestbewegung werden nicht verhehlt, bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber staatlicher Öffentlichkeitsarbeit. So gab es 2007 während des G8-Gipfels in Heiligendamm eine selbstorganisierte Berichterstattung, zu der sich freie RadiomacherInnen aus aller Welt zusammengefunden hatten, um in zahlreichen Sprachen ein kontinuierliches alternatives Programm zur Übernahme für Freie Radiostationen anzubieten. Ein deutschsprachiges 24-Stunden-Programm per Livestream wurde so zeitweilig von mehr als einem Dutzend Freier Radios übernommen und wieder ausgestrahlt. Dass diese Arbeit Solidarität braucht, zeigte sich auch bei  der Berichterstattung zum UN-Klimagipfel COP15 in Kopenhagen 2009. Drei Redakteure, die für den BFR vor Ort waren, wurden während ihrer Arbeit festgenommen, zwei von ihnen kamen mehr als eine Woche in Untersuchungshaft. Der BFR verurteilte diese massive Einschränkung der Pressefreiheit scharf und forderte die umgehende Freilassung der beiden Kolleginnen.

Freies Radio im Web

Freie Radios sind seit Jahren auch durchgehend per Internetstream weltweit empfangbar. Auch die Produktion ist längst digitalisiert, die redaktionelle Vorbereitung der Sendung, die Recherche, das Ankündigen des Programmablaufs und die Archivierung sind ohne Internet nicht mehr denkbar. Dank freier Software und eigenen Entwicklungen haben die Freien Radios mittlerweile viele praktikable, kostengünstige Lösungen zur kollaborativen Arbeit im Web entwickelt. Auch in sozialen Online-Netzwerken sind mittlerweile viele Radios aktiv. Allein bei den Protesten in Sachsen schlossen sich spontan mehrere hundert Menschen online zusammen, um die Abschaltung von Radio Blau in Leipzig zu verhindern. Tausende unterzeichneten schließlich die E-Petitionen zum Erhalt.

Die klassische Verbreitung des Freien Radios ist aber nach wie vor analog. Schon 2001 lehnte der Bundesverband Freier Radios die von Medienanstalten und Politik forcierte Technologie DAB ab, die bei der lokalen Verbreitung erhebliche Verschlechterungen bedeuten würde. Die Kritik von damals hat nichts an Aktualität verloren. DAB konnte sich aber auch trotz etlicher Millionen Euro Gebührengelder kaum durchsetzen. Die in einigen Bundesländern geplante Abschaltung von UKW für 2010 ließ sich nicht halten und wurde mittlerweile ausgesetzt oder auf 2015 verschoben.

In absehbarer Zeit wird es aber zu einer Neuordnung der Rundfunk- und Frequenzlandschaft kommen, von denen lokale Veranstalter am meisten bedroht sein dürften. Freie Radios verlangen deshalb einen gleichwertigen und fairen Zugang zu digitalen Lizenzen und das nicht nur auf lokaler Ebene. 2008 forderte der Bundesverband Freies Radios erstmals auch die Beteiligung an bundesweiten digitalen Lizenzen, verbunden mit einer entsprechenden finanziellen Unterstützung aus Rundfunkgebühren.

Perspektiven Freier Radios

Thomas Kupfer schrieb dazu in einem Vortrag für die FRO-Konferenz zur Ars Electronica in Linz 2008: „Lokale Community Radios sind nur noch eine von mehreren Optionen der freien Radioarbeit. Communities können sich ebenso als ‚Community of Interest’ überregional vermitteln und herausbilden. [...] Ein Miteinander von lokalen Community Radios und bundesweiten digitalen publizistischen Angeboten könnte die Zukunft Freier Radios sein.“ Der 2009 plötzlich verstorbene Radioaktivist Kupfer war einst Mitbegründer der Initiative für eine Vereinigte Linke, später dann langjähriger Geschäftsfüher von Radio CORAX in Halle sowie Mitbegründer des Community Media Forum Europe (CMFE).

In einer Debatte über die Definition und die strategische Ausrichtung Freier Radio stellte er auch fest, dass Zugangsoffenheit allein keine Domäne der Linken mehr ist. So seien auch  im Freien Radio „linke und linksalternative Positionen, letztlich aber politische Perspektiven und politisches Engagement überhaupt, eher in der Minderheit.“ Um diese wieder zurückzugewinnen, sei es notwendig, eigene Plattformen, Assoziationen und Initiativen zu entwickeln, die nicht nur die Veranstalter zusammenbringen, „sondern individuelle Akteure – unabhängig davon, ob sie in einem Freien Radio, einem Offenen Kanal oder temporär als Radiokünstler, Piraten oder als Produzenten für öffentlich-rechtliche Anstalten on air sind. Vor allem aber unabhängig davon, ob sie überhaupt on air sind oder möglicherweise ihre alternative Radiopraxis ausschließlich mit dem Medium  Internet verbinden“, so Kupfer.

Genau in diesem Punkt liegen auch die Chancen für die Linke Medienakademie und Freie Radios, Grundlagen für neue intermediale Ansätze gleich in mehrfacher Hinsicht zu schaffen. Seit 2009 kooperieren BFR und LiMA und sind dabei einen neuen Ort überregionalen Austauschs zu Visionen und Praxis Freier Radios neben dem jährlichen Radiocamp Freier Radios am Bodensee im Mai, dem Kongress Freier Radios im Oktober oder der Unkonferenz „CivilMedia“ in Salzburg im November zu etablieren. Die LiMA könnte, neben den Potential Debatten über linkes Radio und Medienpolitik anzuregen, vor allem aber auch denjenigen eine Ausbildung bieten, die bislang keinen Zugang zu lokalem Radio in ihrer Region haben. Denn Partizipation  an dezentralen Redaktionskonzepten Freier Radios wie bei www.kopfstoss.fm, über das Audioportal www.freie-radios.net oder den Nachrichtenaustausch über www.news-net-work.de ist ortsunabhängig möglich und dürfte die Zukunft Freier Radios mehr denn je bestimmen.

aus:  Linke Kommuikation Kommunkation mit links?

Bernd Hüttner / Christoph Nitz (Hrsg.)
Linke Kommunikation
Kommunikation mit links?
160 Seiten; EUR 12.80
In Kooperation mit der Linken Medienakademie (ein Projekt der Rosa Luxemburg Stiftung)
ISBN 978-3-89965-359-5
VSA: Verlag, Hamburg 2010

Lernort Bürgerrundfunk – Offene Hörfunk- und Fernsehkanäle und Nichtkommerzielle Lokalradios in der Bundesrepublik Deutschland

Dissertation von Dr. Brigitte Kertscher (2005)

Der folgende Artikel erscheint dieser Tage in der 19. Ausgabe der  “testcard”. Verantwortlich ist das Autorenkollektiv “futur2″

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Kennen Sie den “denkbar großartigsten Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens”? Dass Bertolt Brecht vor über 75 Jahren damit in einem Aufsatz tatsächlich das Radio meinte, das mutet beim “durchhörbaren Rotzebrei” (Thomas Blum Jungle World 47/08), der einem täglich um die Ohren gehauen wird, fast schon wie ein schlechter Scherz an. Redakteure und Wellenchefs der Rundfunkanstalten hierzulande sind vernarrt in die Idee, dass Hörfunk eine Art überall erreichbaren Services sei.

Die logische Konsequenz scheint das kleinste zumutbare gemeinsame Vielfache: Musik, die durch den Alltag dudelt und – quasi zusätzlich- Informationen über das Wetter, den Verkehr und das tagesaktuelle Geschehen – möglichst gut und schnell verdaulich natürlich. Das ist sicherlich im Kanon der Ware Information etwas Nachvollziehbares und auch etwas mitunter Nützliches.

Ambitionierte Sendungen, die aber nur einen Teil der Öffentlichkeit mit einer Art speziellem Service versehen, die sind eine Art aussterbende Spezies. Es gab und gibt sie natürlich, Nachts, in den großen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten – warum auch nicht? Auch dies gehört zum Service: gute Musik; die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. So sind diese Musik-Specials eine Art Lendenschurz- oder, um beim Bild zu bleiben- eine Art gut gepflegter Käfighaltung einiger schillernder Überbleibsel einer vergangenen Generation von Radio-MacherInnen- aber selbst dieses nächtliche Refugium wird schmaler und karger:

Ende 2008 wurde eine der wenigen Musik-Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingestellt, die noch zu überraschen wussten. Wer sich die Artikel und Nachrufe über das Abschalten von Klaus Walters “Der Ball ist rund” bei HR3 anschaut, bekommt möglicherweise das Gefühl, dass das eigene UKW-Empfangsgerät ebenfalls überflüssig geworden ist. Kommt ja eh nichts mehr für “Menschen mit Verstand und Geschmack”, resignierte etwa Thomas Blum.

Was wir hier bedauern, ist ein ausgeträumtes Modell, das nur durch Verdrängung der Tatsachen in unseren Köpfen solange überleben konnte. Warum soll der Markt Aufmerksamkeit denn gerade an den öffentlich-rechtlichen Sendern vorbeigehen? Warum soll ausgerechnet in den von uns allen bezahlten Großunternehmen Radio und Fernsehen das Wort Effizienz keine Rolle spielen? Was erwarten wir denn? Was also heißt jetzt beispielsweise ambitioniertes Radioprogramm? Das wird sich in Zukunft – wenn überhaupt – nur noch im Internet finden, das jedenfalls ist die derzeitige Argumentation. Aber es gibt profunde Skepsis aus der Radiowelt.

Moment mal, sagen an dieser Stelle die freien Radios. Sie sind die Nachfolger jener Piratensender, die einst verbotenerweise Frequenzen besetzten. Radios, deren Credo eine Gegenöffentlichkeit war, direkte Kommunikation über bislang Ungesagtes- das Ganze möglichst auch  in neuer Form. Hehre Ziele, die theoretisch mit einem Ansatz von Hans Magnus Enzensberger unterfüttert wurden: “Jeder Empfänger ist ein potentieller Sender.” Und: “Emanzipatorische Mediennutzung braucht kollektive Produktion anstatt der Herstellung durch Spezialisten.” Dazu gesellten sich Oskar Negt und Alexander Kluge. Die beiden sprachen 1972 in ihrem Werk “Öffentlichkeit und Erfahrung” schon davon, mit freien Radios “neue lebendige Verständigungsmöglichkeiten” zu schaffen, den “stummen Zwang der Verhältnisse” zu durchbrechen und damit die “begrifflichen wie sprachlichen Ausdrucksmittel des Protestes” zu erweitern. Gegenöffentlichkeit durch Radio wurde selten klarer formuliert.

Warum reden dann aber immer noch alle über die sterbenden Ansprüche im öffentlich-rechtlichen Radio? Vielleicht, weil die freien Radios auch eine Anlaufzeit brauchten: die meisten von ihnen sind nicht älter als 10-15 Jahre, alle Machenden arbeiten ehrenamtlich und die Ambitionen sind extrem unterschiedlich. Immerhin- der Bundesverband Freier Radios (BFR) zählt 30 Mitglieder, die größtenteils eine legale Sendepraxis und zusammen eine technisch mögliche Hörerschaft im zweistelligen Millionenbereich haben, aber das ist spekulativ- genauso wie die Programmgestaltung.

Schon vor zehn Jahren war in der Jungle World zu lesen: “Nicht nur jene, die den Äther bislang als Ort begriffen, um Unwissenden die Boshaftigkeit des Kapitalismus zu erklären und zur wahren Lehre zu bekehren, sind heute in den Sendestudios zu finden. Im Gegenteil:  Die Radiostationen sind zum sozialen Ort geworden, an dem von Karriere träumende Techno-DJs mit dem Marx-Engels-Lesekreis aufeinandertreffen, wo Migrantengruppen mit ihrer Community kommunizieren, Antifas gegen Nazi-Demonstrationen mobilisieren, unentdeckte Künstler die Hörer mit ihren neuesten Werken terrorisieren und Fußballfans ihre Wetten öffentlich abschließen(…).” Daran hat sich in den letzten Jahren wenig geändert.

Warum also hier noch einmal dieses Fass voller Wunschträume aufmachen, wo es doch eigentlich gerade um den Wegfall ganz realer schon existierender guter Radio-Formate geht? Weil es nicht um das besonders schillernde Angebot geht, das mal “Radio Multikulti”, mal “der Ball ist rund” heißt. Freie Radios sind zu allererst real existeriender Freiraum in Zeiten kapitalistischer Zeichenhohheit. Damit wird freies Radio zu einem wichtigen Ort von Fragestellungen: Es sind Projekte, die auf dem Feld öffentlicher Diskussion agieren. Und damit geht es um ganz andere Formen der Kommunikation, als das waren-förmige Angebot besonderer Schmeckerlis.

Sicher-  die Praxis in den freien Radios hat mit diesem Anspruch oft wenig zu tun. Wer sich etwa Interviews auf der überregionalen Austauschplattform der Freien Radios anhört, merkt schnell, dass hier eher Antworten aus dem Ärmel geschüttet werden und dass sich eine verlockende Routine bei den MacherInnen der freien Radios eingeschlichen hat. Wenn hier Fragen aufgeworfen werden, sind die Antworten meist schon mitgedacht. Eine wirkliche Neugier über etwas nachzudenken ist bei den wenigsten der knapp 30.000 Audiobeiträge erkennbar. Auch greifen freie Radios zu einem hohen Prozentsatz auf Formate zurück, die schnell relativ akzeptabel funktionieren, die allerdings auch in jedem beliebigen privat-kommerziellen Sender zu hören sind.

Das alles könnte zu dem ernüchternden Urteil führen, dass der herrschende Diskurs durch die Teilnahme der freien Radios affirmiert wird. Das Ziel, durch Irritationen zu stören und neue Formen der Kommunikation jenseits dieses Diskurses zu entwickeln, erreichen freie Radios in den seltensten Fällen. Eines der wenigen Gegenbeispiele ist “Lignas Musikbox” vom Freien Senderkombinat Hamburg (FSK), wo mit Hilfe von Anrufenden Musik durch Telefonhörer gespielt wird und Radio als Distributionsapparat “funktioniert”; Stimme, Musik, Geräusch werden zunächst ungerichtet, „gespenstisch“ ausgestreut, bis es mehr oder weniger zufällig von HörerInnen aufgefangen wird. Auch beim Halleschen freien Radio CORAX geht es um Diskurs. Die Form des Interviews weicht immer häufiger einer Gesprächssituation, die per Anruf, Internet und direkt-ins-Studio-Kommen ausgesetzt wird und damit fokussiert und trotzdem authentisch wird.

Jetzt sollte hier aber ja doch vor allem die Chance der freien Radios beschworen werden. Also dann doch ans Eingemachte. Freiraum und hierarchiefreie Mediennutzung heißt Selbstorganisation, Konsenzprinzip und Basisdemokratie. Bislang scheitert dieser Anspruch schon oft allein deshalb, weil die Radios nicht im luftleeren Raum senden. Sie sind einer direkten Konkurrenzsituation zu den anderen Anbietern auf UKW ausgesetzt, sie senden 24 Stunden am tag, das heißt wenigstens eine Organisation alternativen Musikzuganges, es heißt Mobilisierung von mündig handelnden Menschen, sich mit den Besonderheiten technisch vermittelter Kommunikation auseinanderzusetzen, es heißt nicht zuletzt die technische Absicherung all dieser Bemühungen im Sinne eines zuverlässigen Senders- wie gesagt, mit extrem begrenzten Ressourcen. Der (quasi kapitalistische Radio-) Alltag erfordert auf dieser Ebene oft schlicht einfaches und gremienfreies Handeln. Eine Diskussion über diese eigene Praxis, diese Form des Selbstbetrugs, ist notwendig und geschieht dennoch nur in einem kleinen Kreis von Akteuren der freien Radios. Die meisten Sendungsmachenden bekommen davon nichts mit – ganz zu schweigen von den Hörenden.

Bei aller großartigen Chance auf etwas Anderes im Radio steht hier also vor allem ein großes Fragezeichen: Wie kann aus der Möglichkeit eine relevante wahrzunehmende Alternative der Radio-Kommunikation hergestellt werden?
Die Hoffnung, die Gesellschaft durch das Senden anderer Inhalte zu mobilisieren, womöglich zu verändern, greift sicher zu kurz. Es sollte eher um die Kraft des Mediums als soziale Praxis gehen. Das selbstverständliche Benutzen des Mediums durch ganz verschiedene Akteure der Gesellschaft kann andere Nutzungsformen hervorbringen. Teilöffentlichkeiten sind hier ebenso interessant wie das Radio als Werkzeug, in die gesellschaftliche Praxis einzugreifen. Menschen auf dem Markt oder im Neubauviertel greifen in eine Diskussion mit politischen Oberhäuptern der Stadt ein, Antifa-Demos werden logistisch durch den Sender gesteuert, Überwachungsmechanismen in radiophon gesteuerten Aktionen sichtbar gemacht (Radioballett am Hamburger Hauptbahnhof, Radiotheater Halle usw.)

Am Grad des Gegenwindes zeigt sich die mögliche Relevanz freier Radios. Erinnert sei an die Festnahme zweier Redakteure des FSK (die mehrere Stunden wie Schwerverbrecher festgehalten wurden) und die damit verbundene Verletzung jeder Form von Pressefreiheit während der Räumung des Bauwagenplatzes “Bambule” in Hamburg. Es gibt weitere Beispiele; In Sachsen wurden die dortigen freien Radios mit einer Geldstrafe bedacht, weil sie einen Demonstrationsaufruf des “Antifa Infoportal Magdeburg” verbreiteten. Radio Flora aus Hannover wurde gar mit der zweifelhaften Begründung “zu geringer Einschaltquoten” die Lizenz entzogen,…(die Liste ließe sich weiter fortführen).

Ein logischer Schritt und zugleich eine sich bietende Chance ist dabei die Ausweitung Freier Radios ins Internet. Hier trifft man bereits jetzt eine unüberschaubare Masse an Podcast Angeboten, die zum großten Teil ins buchstäbliche Nichts senden. Doch es gibt eben auch Antifagruppen, die Vorträge veranstalten und diese ins Netz stellen, einen Chaos Computer Club, der seit Jahren regelmässig über Überwachungstendenzen im Radio informiert, eine Redaktion von Fussballfans, die unter dem Namen Kopfstoss FM brilliante Sendungen produziert (… auch diese Liste liese sich weiter fortführen) -  all diese Sendungen gilt es, im Sinne der freien Radios, zu bündeln, damit letztlich Akteure aus allen Bereichen ein überregionales Mantelprogramm starten, welches dann sowohl auf UKW als auch im Netz zu hören ist. Quasi “byte.fm” auf einer nicht nur musikalischen, inhaltlichen Ebene und auf UKW.

Dann wird möglicherweise auch die Diskussion um die Relevanz des UKW-Radios überflüssig. Bei relevanter Jetzt-Zeitigkeit von authentischer Kommunikation in einer Stadt oder zu einem Thema bekommt die älteste Funktion des Radios neue Kraft: die Selbt-Vergewisserung: Ich bin. Ich bin jetzt da und ich spiele gewissermaßen mit, und sei es auch nur als Potenz des persönlichen Alltags. All diese Überlegungen konkurrieren direkt mit einer Realität, in der das Radio sich zunehmend als Ort von Angeboten etabliert, die uns nicht selten ratlos bleiben lassen. Fragen kann man schließlich auch anderswo stellen – im Kreise der Familie zum Beispiel. Doch bestimmte komplexe Fragestellungen können dort eben nicht beantwortet oder diskutiert werden. Also braucht es doch die öffentliche Diskussion. Öffentlicher Raum allerdings ist rar geworden. Vorbei die Zeit der stundenlangen Diskussionen am Brunnen, vorbei die Zeit der offenen Fragestellungen im Radio (gab es sie je?). Das Radio verweigert seine Potenz als öffentlicher Raum – Verlautbarung statt Gespräch. Kommunikation hingegen zielt per se auf Veränderung – Veränderung von Zuständen, Haltungen, Verhältnissen. Das Mittel der Frage ist dabei nahezu unumgänglich.

Es gilt also, den Impuls aufzunehmen, der seit Jahren aus einem ganz chaotischen Feld selbstverwalteter Öffentlichkeit in die etablierte Radiolandschaft hineinfunkt: Freie Radios. Diese müssen sich als Ort von Fragestellungen begreifen, mehr noch, ihre Legitimation rührt daher: Ohne Bezahlung agierende Kommunikationspartner haben eine andere Motivation als Verlautbarung – sie agieren auf einem Feld des Mankos – dem Feld öffentlicher Diskussion und öffentlicher Fragestellungen. Die Zukunft des Radios wird abhängen von der Kommunikationsbereitschaft der Gestaltenden. Der Fokus muss vom Service-Gedanken (der Redakteure und Wellenchefs der Rundfunkanstalten) hin zu einer Möglichkeit offener Fragestellungen verschoben werden.

Denn: Das Radio ist öffentlicher Raum, ist der Brunnen auf dem Dorfplatz, der Ort fokussierter Diskussion. Und das ist nur herzustellen unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Akteure unabhängig von deren Fähigkeit, Antworten zu geben. Die Zukunft des Radios wird bestimmt sein von einer Kultur der Fragen und freie Radios müssen diese stellen.

Der folgende Text von Thomas Kupfer* zum Iststand und Zukunftsvisionen Freier Radios war ein Statement für die FRO-Konferenz zur Ars Electronica in Linz 2008 und wurde im BFR-Rundbrief vom Oktober 2009 veröffentlicht.

Reinventing Alternative Radio?

Überlegungen zur Zukunft Freien Radios in der Bundesrepublik Deutschland

1. Panorama des nichtkommerziellen privaten Hörfunks

Über Community Media zu sprechen ist in der Bundesrepublik Deutschland ein schwieriges Unterfangen: Zu unterschiedlich sind die rundfunkpolitischen Bedingungen der Länder. Nirgends in Europa ist die rundfunkpolitische Situation in Bezug auf den nichtkommerziellen privaten Rundfunk konfuser und unübersichtlicher.

Beschränken wir uns auf den Hörfunk und gehen aus von dem gesetzlich nicht verankerten, aber politisch verbreiteten Begriff des Freien Radios, dann können wir feststellen:

Der Sektor der „Freien Radios“ korrespondiert in hohem Maße mit international gebräuchlichen Kriterien für Community Media. Er verweist darüber hinaus in seinen Selbstbeschreibungen vielfach auf den Entstehungskontext sozialkritischer Bewegungen und linksalternativer Positionen, umfasst jedoch nur einen Teil des nichtkommerziellen privaten Rundfunks und ist mit der Tatsache konfrontiert, dass es zugleich staatlich oder quasi-staatlich betriebene Offene Kanäle und Ausbildungskanäle gibt, wobei letztere, streng genommen, nicht als Community Media bezeichnet werden können.

Häufig sind auch diejenigen Radios, die sich selbst als Freies Radio bezeichnen, also sowohl die Kriterien für Community Radio erfüllen als auch sich als politisch/kulturell ‚alternatives Radio’ verstehen, hochgradig heterogene Gebilde, innerhalb derer nur Minderheiten die offizielle politische Selbstbeschreibung des Radios tatsächlich aktiv oder zumindest passiv vertreten.
Umgekehrt sind in anderen Bürgermedienmodellen – etwa Offenen Kanälen – Akteure („NutzerInnen“) anzutreffen, deren kulturelles, künstlerisches bzw. politisches Selbstverständnis in hohem Maße mit den Selbstbeschreibungen Freier Radioinitiativen korrespondiert, die aber nicht über einen eigenen Zugang zu terrestrischen Verbreitungskapazitäten als Programmveranstalter verfügen.

Darüber hinaus sind Freie Radio-Akteure und -Initiativen in temporären Projekten (Ereignisrundfunk), mit Online-Angeboten und/oder Mikro FM-Aktionen präsent. Internetbasierte publizistische Plattformen und Verbreitungswege gewinnen weiter an Bedeutung.

Ob man in einem Bundesland bzw. in einer Stadt lebt, welche die Option eines NKL/Freien Radios bietet, oder eben nicht, ist weitgehend vom Zufall abhängig. Während mancherorts nichtkommerzielle lokale Hörfunkangebote ohne jeglichen lokalen Vorlauf quasi ‚von oben’ erzeugt wurden, bemühen sich anderenorts Radioinitiativen seit 15 und mehr Jahren ohne jeden Erfolg um eine medienrechtliche Zulassung. Vor dem Eintritt in das digitale Zeitalter konnte das nur durch ‚Rundfunkpiraterie’ kompensiert werden, heute sind Produktion und erst recht Verbreitung von Audioinhalten aber nicht mehr allein von den medienpolitischen Rahmenbedingungen der Bundesländer abhängig.

Es liegt also nahe, Freies Radio noch einmal neu, ausgehend von den individuellen Akteuren, zu denken: Unabhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten und welchem Radio sie evtl. zuarbeiten.

2. Viele Sender – wenig Kommunikation?

Blicken wir aber zunächst kurz zurück: Als in den siebziger und achtziger Jahren die Piratenfunker auf Sendung gingen oder als 1993 der Bundesverband Freier Radios gegründet wurde, war das mit der Forderung verbunden, alle, die Radio machen wollen, sollten auch Zugang zu Frequenzen und Verbreitungskapazitäten erhalten. Dieser freie Zugang zum Rundfunkmedium gehört bis heute zu den Essentials im Selbstverständnis der Freien Radios. Wer senden will, soll auch senden dürfen: Dieser Grundsatz hat sich abstrakt erhalten, erscheint aber im Jahr 2008 gleich in mehrfacher Hinsicht als Vision verbraucht:

1. Im Grunde können heute, im Zeitalter schneller Internetzugänge, alle, die senden wollen, auch senden. Viele senden auch. Aber was? Man könnte fast wieder zurückgreifen auf Brechts Ausführungen zum Radio: „Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit, und um die Situation des Rundfunks noch genauer zu kennzeichnen: Nicht Rohstoff wartete auf Grund eines öffentlichen Bedürfnisses auf Methoden der Herstellung, sondern Herstellungsmethoden sehen sich angstvoll nach einem Rohstoff um. Man hatte plötzlich die Möglichkeit, alles allen zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegt, nichts zu sagen“.

2. Über Jahre hinweg gelang es in Berlin nicht, die rechtsextremen Kameraden von „Radio Germania“ aus dem Programm des Offenen Kanals zu entfernen. Wie würde sich die Situation in einer durchschnittlichen sächsischen oder Mecklenburger Kleinstadt darstellen? Möchten wir wirklich, dass im sächsischen Pirna oder im thüringischen Arnstadt ein zugangsoffenes lokales Radio sendet? Im hessischen Butzbach würde vielleicht ein gewisser Christian Müller – seines Zeichens Videoaktivist der rechtextremen Szene – sein Interesse für Radio entdecken… In zahlreichen Kleinstädten, zumindest in den ostdeutschen Bundesländern, sind inzwischen rechtsextreme Kameradschaften die auffälligsten ‚jugendkulturellen’ Initiativen, es liegt also nahe, dass sie sich auch der zugangsoffenen Medien bemächtigen würden.

Freies Radio im Sinne von frei zugänglichem Radio wäre – und ist – längst keine Domäne der Linken mehr. Im Gegenteil: Auch in den meisten sendenden Radios sind linke und linksalternative Positionen, letztlich aber politische Perspektiven und politisches Engagement überhaupt, eher in der Minderheit. In den Bundesländern, in denen gesetzliche Grundlagen für die Zulassung und Förderung nichtkommerzieller lokaler Radios geschaffen wurden, sind gut ausgestattete Radios auf Sendung, die keinerlei Vorlauf als politische Initiative bzw. als Teil einer sozialen Bewegung aufwesen. Aber auch die im BFR zusammengeschlossenen Freien Radios haben wenig mehr gemeinsam als den partizipativen Ansatz und einen zumindest rhetorischen Bezug auf Konzepte der Gegenöffentlichkeit, der alternativen, interventionistischen oder auch souveränen Medien.

3. Schon immer habe ich mir die nicht mehr nur hypothetische Frage gestellt, was denn wäre, wenn eine der Grundforderungen Freier Radios Realität wäre: Jede(r) kann senden. Oder ganz real: Jede(r) sendet. Wäre dann nicht (Freies) Radio vollkommen überflüssig im Sinne von politischer Öffentlichkeit? Ist die regulative Verwaltung des Rundfunks im Sinne der Limitierung der Angebote gar die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Radio überhaupt noch relevant bleiben kann als Massenmedium?

Diese Fragen greifen zwar einerseits zu kurz, sind aber deshalb nicht einfacher zu beantworten. Die Fragmentierung von ‚Öffentlichkeit’ ist ja vielfach beschrieben worden. Wenn via Satellit und Internet, oder auch über zukünftige terrestrische Verbreitungswege, hunderte, ja tausende miteinander konkurrierende Special Interest-Programme empfangbar sind, wo liegt dann die Attraktivität eines Freien Radios? Ist der Rezipient, der zum Produzenten wird, zukünftig vielleicht derjenige, der Programme ‚sampelt’ und aus vorhandenen Angeboten und Materialien wiederum neue individuelle Angebote, ‚Programme’ bzw. ‚Formate’ erstellt? Was bedeutet dann eigentlich noch Radiokommunikation? Ohne zu spekulativ zu werden: Viele Sender bedeuten nicht automatisch viel Kommunikation. Im Gegenteil: Anders, als es uns das schon immer hochfiktive Konstrukt einer bürgerlichen politischen Öffentlichkeit glauben machen will, leben wir mit dem Paradox eines Verschwindens von Öffentlichkeit bei gleichzeitiger Explosion der Zahl der Medienangebote.

Mögliche Alleinstellungsmerkmale von Community Radio bzw. Freiem Radio sind sowohl in den Selbstverständnisdebatten wie auch in der Mediengesetzgebung zu erkennen, nur sind sie in der Praxis nur bedingt vereinbar:

  • die lokale Ausrichtung als publizistische Ergänzung zu überregional ausgerichteten Rundfunkprogrammen
  • die Übernahme von public service-Funktionen parallel zu den Reformen und der zunehmenden Quotenorientierung öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten
  • die – teils temporäre – Neubestimmung von ‚Gegenöffentlichkeit’ im Zeichen bundesweiter bzw. globaler politischer Netzwerke, Aktionen und Kampagnen
  • die Theorie und Praxis einer anderen Art des Sprechens, einer Ästhetik der radikalen Subjektivität
  • die experimentelle Ausrichtung des Mediums und die Entwicklung bzw. Erprobung neuer Formen und Formate
  • die Kultivierung von Radio als Gesprächs- und als Livesituation
  • die Fokussierung der Organisationsform von Radio in Gestalt der Strukturentwicklung und -pflege als ‚selbstverwaltetes Projekt’.

3. Freies Radio im Zeitalter der Digitalisierung

Freies Radio ist konfrontiert mit Faktoren, die noch vor 15 Jahren kaum vorstellbar waren. Im Zeitalter von Web 2.0, von Wikis und Blogs, frei zugänglichen Servern und schnellen Datenströmen haben sich nicht nur die Bedingungen für die Produktion und Verbreitung von Audioinhalten grundlegend geändert. Hier sollen einige Stichworte reichen:

  • die Möglichkeit der überregionalen, auch internationalen Koproduktion
  • die weltweite Verfügbarkeit produzierter Inhalte und Materialien
  • die potentielle Nachhaltigkeit und Nachhörbarkeit über Online-Archive
  • die Möglichkeit des Abonnements von Audioinhalten und der zeitversetzten Rezeption
  • die Einbindung von Radio in multimediale Angebote bzw. die Einbeziehung von Bild- und Textinhalten.

Nie zuvor waren die Chancen für die überregionale redaktionelle Arbeit in netzwerkförmigen Strukturen so groß, unter potentieller Einbeziehung von Akteuren, die an ihren Wohnorten wenig oder gar keinen Zugriff auf einen nichtkommerziellen Hörfunkveranstalter haben oder die mit diesem unzufrieden sind. Online-Applikationen bieten zugleich Voraussetzungen für neue Varianten der Selbstverwaltung und projektinternen Informations- und Kommunikationsstruktur.

Freies bzw. alternatives Radio kann sich, muss sich aber nicht lokal verorten. Es sind individuelle Akteure, die es zu vernetzen gilt und die je nach lokalen Bedingungen aktiv an der Gestaltung von Community Radios mitwirken oder solche entwickeln können – oder auch nicht. Lokale Community Radios sind nur noch eine von mehreren Optionen der freien Radioarbeit. Communities können sich ebenso als ‚Community of Interest’ überregional vermitteln und herausbilden. Die Neuordnung der Frequenz- und Rundfunklandschaft im Zeichen der Digitalisierung auch der terrestrischen Verbreitungswege ist einerseits eine Bedrohung für vorhandene lokale Veranstalter. Sie kann aber andererseits auch neue, bundesweit verbreitete freie und alternative Radioprogramme hervorbringen. Ein Miteinander von lokalen Community Radios und bundesweiten digitalen publizistischen Angeboten könnte die Zukunft Freier Radios sein. Allein: Es zeichnen sich weder medienpolitische, noch ‚zivilgesellschaftliche’ Akteure ab, die vorbereitet scheinen, diese Zukunft aktiv gestalten.

Bezeichnenderweise enthaltene international verbreitete Definitionen von Community Media (etwa im CMFE oder bei AMARC) kein Kriterium, das sich auf die Programmformen, Formate und Inhalte von Community Media  bezieht. Es gibt kein wirklich gemeinsames programmbezogenes Selbstverständnis, etwa im Sinne eines alternativen Radios. Tatsächlich müssen Community Radio und alternatives Radio nicht das Gleiche meinen, wobei die Existenz ersterer die Möglichkeiten für letzteres zweifellos verbessert. Eine politische Linke, die auf alternative Inhalte und Formen ebenso setzt wie auf partizipative Strukturen und Selbstorganisation, sollte sich einerseits aus taktischen Gründen nicht gegen die politische Interessenvertretung von Community Media im übergreifenden Sinne sperren, andererseits aber eigene Plattformen, Assoziationen und Initiativen entwickeln, welche nicht nur und auch nicht vor allem Veranstalter zusammenbringt, sondern individuelle Akteure – unabhängig davon, ob sie in einem Freien Radio, einem Offenen Kanal oder temporär als Radiokünstler, Piraten oder als Produzenten für öffentlich-rechtliche Anstalten on air sind. Vor allem aber unabhängig davon, ob sie überhaupt on air sind oder möglicherweise ihre alternative Radiopraxis ausschließlich mit dem Medium Internet verbinden.

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* Die Idee und Entwicklung der Zukunftswerkstatt Bürgermedien verdanken wir Thomas Kupfer. Der 2009 plötzlich verstorbene langjährige Projektkoordinator und frühere Geschäftsfüher von Radio CORAX hat uns viele Ideen, Visionen und Aufgaben hinterlassen, die wir weiterentwickeln und verwirklichen wollen.

In den nächsten Tagen werden hier Zusammenfassungen einiger Texte über die Chancen und Grenzen Freier Radios dokumentiert werden. Den Anfang machen Ron Steinke und Stephen Rehmke: “Äther für alle!“, Jan Pinseler: “Sprechen im freien Radio”, Ligna: Konstellation – Zerstreuung – Assoziation: Eine Historisierung gestischen Radiohörens, Roger Behrens: “Thesen zur Kritik der kritischen Kommunikationstheorie” und Ole Frahm und Friedrich Tietjen: “RADIO B RICHT”.

Ron Steinke/Ron Stephen Rehmke: Äther für alle! Meinungsmacht und Gegenöffentlichkeit am Beispiel freier Radios. In: Medien und Meinungsmacht  1/2006. S. 10-14

Im privaten, werbefinanzierten Rundfunk wollen AnzeigenkundInnen bedient werden (die die Gehälter bezahlen).  Staatlicher Rundfunk ist weniger zur Massenunterhaltung gezwungen, da die Regierenden, die dort über ihre IntendantInnen die Gehälter bezahlen, noch an anderem interessiert sind als an hohen Marktanteilen (etwa Schaffung eines bestimmten gesellschaftlichen Klimas) Paradoxer Weise erhält gerade der Staatsrundfunk von kritischen Geistern ein mildes Urteil. Denn die langfristige Gunst der Regierenden ist entscheidend für die Ausstattung der Sender mit Staatsgeldern. Politische Leitplanken für die Berichterstattung setzen sich dabei durch besonders wirksame, weil “unsichtbare” Mechanismen über die politisch eingesetzten IntendantInnen bis hinab in die einzelnen Redaktionen fort. Kurt Biedenkopf meinte, etablierten Massenmedien kommt die Aufgabe zu, “jeden Tag von neuem den Konsens herzustellen”. Die Arbeit der Medien wird so zur täglichen medialen Legitimation der bestehenden Machtverhältnisse. Randgruppen tauchen nur als Objekte auf  (vs. Journalismus “von unten”, der den Betroffenen selbst das Wort gibt, holt diese aus ihrer Objektrolle heraus. Marginalisierte Gruppen bestimmen erstmals selbst, wie über sie gesprochen wird.) Dagegen stellt sich das Modell der Gegenöffentlichkeit, das einen radikal unabhängigen Journalismus verlangt, der weder staatstragend noch profitorientiert sein kann/ will Themen in die Öffentlichkeit bringen, die die etablierten Medien unterschlagen/ Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen/jede/n Empfänger/in zum/r Sender/in machen

Gegenöffentlichkeit mehr als nur Ergänzung des journalistischen Spektrums

In vielen Städten ergreifen marginalisierte gesellschaftliche Gruppen das öffentliche Wort. Für Subkulturen, Szenen und Bewegungen spielen die Sender vor allem als Kommunikationsplattform eine wichtige Rolle.
Freies Radio wird nicht gemacht, um im Hintergrund zu dudeln und ignoriert zu werden. Es verlangt Aufmerksamkeit – oft auch Anstrengung – von seinen HörerInnen.

Die Hoffnung ist die  Ermöglichung von kulturellem Dissens, von einer Medienarbeit als ein Instrument von Emanzipation. Es gibt kaum ein Freies Radio, das sich seine Sendelizenz nicht erstreiten musste. [In die Gremien der Medienanstalten beriefen die Bundesländer VertreterInnen "gesellschaftlich relevanter Gruppen", um über die Vergabe von Frequenzen zu entscheiden.
Wer diese "relevanten Gruppen" aus Sicht der jeweiligen Landesgesetzgeber sind, überrascht nicht: In Bayern zum Beispiel sitzen neben ParteivertreterInnen und Kirchenleuten auch der Bauern-, Komponisten- und Vertriebenenverband im "Medienrat" - neben einer einzelnen Gewerkschafterin.]

Widersprüche und Grenzen des Konzepteptes, aber auch Möglichkeiten und Perspektiven der Gegenöffentlichkeit werden bei Freien Radios besonders deutlich. [im deutschsprachigen Raum senden 30 Freie Radios legal und basisdemokratisch: Alle Programmentscheidungen haben sich (im Konfliktfall) vor Gremien zu rechtfertigen]

Die Sender stellen einzigartige Schnittstellen dar, auf denen die unterschiedlichsten Gruppen und Fraktionen zusammentreffen und auf den Erfahrungen, Diskussionen, Erfolgen und Fehlern der Vergangenheit aufbauen. Dass Streit dabei eher den Normalzustand darstellt, ist in diesem Sinne kein schlechtes Zeichen. Basisdemokratische Strukturen sind auf Auseinandersetzung angelegt (Vgl. Heiner Müller)

Eine konsistente “Senderpolitik” ist bei dieser Organisationsform schwierig
Wenn Dissens ans Licht kommt, kommt es zur inhaltlichen Auseinandersetzung untereinander. Für ein Gruppenradio bedeutet es die Lebensgrundlage. Sonst entstünde ein Offener Kanal – ein Forum, in dem alle aneinander vorbei reden.

Vielfalt heißt nicht Beliebigkeit!

Vorstand vom Hamburger FSK: “Die Freiheit freien Radios besteht nicht in der unbeschränkten Redefreiheit.” Es gehe im freien Radio “nicht darum, allen Meinungen Platz einzuräumen und am Ende einen Querschnitt gesellschaftlicher Positionen unhierarchisch nebeneinander stehen zu lassen.” Das “‘Frei’ im freien Radio” bedeute vielmehr, “ohne direkte Bindungen an bürgerliche Medien kritische Gesellschaftsanalysen zu betreiben und sich dabei die Freiheit zu nehmen, auch die eigene Praxis immer wieder kritisch zu hinterfragen.”

2002 wurde im FSK heftig über antisemitische Äußerungen gestritten. Diese Auseinandersetzung hielt bis 2005. “Zu Auseinandersetzungen und zu Sendeverboten führten zwei Sendungen, die beide Israel mit Nazideutschland gleichsetzten, und Israel das Existenzrecht absprachen. Einmal wurde das ganze unterlegt mit einer völlig absurden Agitation gegen die Entschädigungszahlungen Deutschlands an Israel. Um deren Unverhältnismäßigkeit zu demonstrieren, multiplizierte man schlicht die Gesamtsumme mit der Einwohnerzahl Israels, anstatt – wie es zur Ermittlung der Pro-Kopf-Verteilung richtig gewesen wäre – zu dividieren. Das andere Mal verlangte man vom Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Juden, Paul Spiegel, er solle sich vom Vorgehen des israelischen Staates gegen die Palästinenser distanzieren – und machte damit jüdische Deutsche zu Stellvertretern Israels.”

Über Sendeverbote setzten sich die Betroffenen unter anderem mit körperlicher Gewalt hinweg; auf Sitzungen produzierten sie sich als Opfer des “Totschlagarguments Antisemitismus”

Die offene Auseinandersetzung, die in Hamburg geführt wurde, könnte anderen Freien Radios für die Idee eines “Radios” als Ort ernsthafter Selbstreflexion wieder Mut machen. Aber, eine offensive Auseinandersetzung um die Sendeinhalte ist in Freien Radios selten geworden. Im Alltag der oft lose organisierten Sender ist im Hinblick auf diese Themen oftmals eher ein gegenseitiges wohlwollendes Dulden zu beobachten, als dass deutliche Kritik geäußert und inhaltliche Auseinandersetzung gesucht würde. (Inhaltliche Verständigung ist noch schwieriger geworden, nachdem in vielen Sendern auch unpolitische Gruppen hinzugekommen sind und dadurch die innere Vielfalt gewachsen ist.) Aber, die Möglichkeit, einen politischen Konsens zu erreichen, wird in einem solchen Projekt stets eine Illusion bleiben. These: Wenn in einem Freien Radio kein Konsens erzielt werden kann, sollte man besser den Dissens stehen lassen. Mit einer starken inhaltlichen Argumentation ist man weitaus besser vor Beliebigkeit und Indifferenz in freien Sendern gefeit als mit dem Bemühen um eine einheitliche politische Linie, wie dies beim FSK versucht wurde. Wer auf die Auseinandersetzung keine Lust hat, so formulieren es die InitiatorInnen der neuen Radiogruppe Dynamo 93 im FSK, “wird bei linkem Sektierertum landen, wer umgekehrt nicht die Auseinandersetzung erträgt, wird als linker Offener Kanal enden, in dem alle nebeneinanderher senden.”

Gesellschaftliche Resonanz auf das Programm ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Die Anziehungskraft auf neue HörerInnen-Milieus lässt nach.[ Es gibt einen generellen Bedeutungsverlust der Linken]

Vgl. “Handbuchs der Kommunikationsguerilla”(1998) :Freie Medien hätten Anklang gefunden, weil ihre Themen in der öffentlichen Debatte standen, nicht umgekehrt. Deren Idee:  Bruch mit dem, was Foucault als “Ordnung des Diskurses” bezeichnet und als ein wesentliches Element von Machtausübung identifiziert, nicht durch Aufklärung, sondern durch Subversion. (Erfindung falscher Tatsachen zur Schaffung wahrer Ereignisse (“Informationsvergiftung”) oder Verfremdung von Werbebotschaften (“Adbusting”))


Jan Pinseler: Sprechen im freien Radio.Eine Fallanalyse zu Möglichkeiten alternativen Hörfunks. In: M&K 3/2001

Potenzial Freier Radios:  Medium Hörfunk zu „entzaubern“, eine Sprache des Alltags auch im Hörfunk zu verwenden und unterschiedliche subjektive Standpunkte zu Gehör zu bringen. Das Ziel besteht darin, ein gemeinsames Senden zu befördern. Die Redakteure sollen miteinander über das kommunizieren und diskutieren,was gesendet werden soll.

„Freies Radio ist der Versuch, ein Medium aus seinem Verwertungszusammenhang zu lösen. Ziel ist dabei die Emanzipation der Hörenden und Sendenden innerhalb der konventionellen Medienlandschaft“ (Freies Sender Kombinat, 1994)

Piratensender Unfreies Westberlin(1975 ) –> Ziel: bisher „unterdrückte oder verfälschte Nachrichten“ an die Öffentlichkeit zu bringen (Network Medien-Cooperative, 1983: 134; vgl. auch Weichler, 1987).

Freie Radios in den siebziger und achtziger Jahren wollten Medien der Gegenöffentlichkeit sein. Sie wollten unterdrückte Nachrichten verbreiten, solche Meldungen, die in den öffentlich-rechtlichen Medien nicht zu hören und in den Zeitungen nicht zu lesen waren. [Alternative Medienpraxis in 70-er versuchte, selbstbestimmte und selbst kontrollierte Strukturen für eine eigene Medienarbeit zu schaffen und nicht, wie etwa noch die Studentenbewegung, die bestehenden Medien zu verändern]

Vorläufer in Italien. Bsp: Radio Alice, füllte das Radioprogramm nicht (nur) mit anderen Inhalten, sie brachen auch sehr weit gehend mit den Prinzipien, wie bis dahin Radio gemacht wurde. Wichtigste Ziele dieser Radios waren dabei die kollektive Produktion der Sendungen und die Selbstorganisation des Senders + der freie Zugang für Betroffene zum Radio  + die Unvermitteltheit der Kommunikation.

[Radio Alice hat drei wichtige Debatten eingeführt. a: Debatte um das Radio als Sender der Bewegung, in dem die Akteure selbst zu Wort kommen. b: die Debatte um Sprache als Praxis, c: die Debatte um die Informatisierung der Gesellschaft als kapitalistischem Prozess, in dem Information zur Ware wird]

Aber: italienischen Erfahrungen lassen sich kaum praktisch auf bundesdeutsche Verhältnisse übertragen. Stattdessen wichtig:  kritische Medientheorien von Brecht (1932/1975) und Benjamin (1934/1966), Anders (1956), Enzensberger (1970/1997) und Negt/Kluge (1972).

Brecht und Benjamin: haben den Weg aufgezeigt, wie sich das Medium (Brecht) beziehungsweise der Autor (Benjamin) zu verändern hätten.
Enzensberger: das Medium durch Unterwanderung verändern. Kritische Medientheorien brachen mit bestehenden Medien nicht grundsätzlich, sondern wollten diese umgestalten oder einem emanzipatorischeren Gebrauch zuführen.

In den 90er Jahren kam das Konzept der Gegenöffentlichkeit immer mehr in die Kritik und war immer weniger für die Praxis Freier Radios handlungsleitend. Amsterdamer Autorengruppe Bilwet um Geert Lovink: Konzept der Gegenöffentlichkeit orientiere sich an den bürgerlichen Medien, spiegele dessen Inhalte nur: „Das Ziel bestand in Korrektur und Ergänzung“ (Agentur Bilwet, 1993: 44 – 45). Freie Radios müssten sich hingegen das Recht nehmen zu senden, ohne sich an den bürgerlichen Medien zu orientieren und diese ständig korrigieren zu wollen.

autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe (1998): andere Inhalte über Freie Radios zu transportieren scheitert. Ziel künftiger Gegenöffentlichkeit müsse daher sein, Bedingungen zu schaffen, unter denen von der Normalität abweichende Bedeutungen möglich werden (1998: 44 – 48).

Katja Diefenbach (1998) verwirft das Modell der Gegenöffentlichkeit, da es sich auf die Inhalte von Kommunikation konzentriere und es in diesem Modell darum gehe, richtigere, wahrere Informationen zu verbreiten (1998: 66). Die Form des Gesagten sei aber genauso wichtig wie die Botschaft, da die Sprache selbst nicht nur ein Mittel, sondern „Machtformation“ sei (1998: 68).

Ulrich Wenzel (1997) unterscheidet zwischen einer repressiven und einer emanzipatorischen Radioproduktion.  Repressive Form von Rundfunkästhetik findet in allen Formen von Radios statt. (Sendungen dieser Art informierten niemanden, sondern vereinheitlichten und verdichteten das Publikum.) –> Aufgabe einer emanzipatorischen Radiopraxis wäre es hingegen, die Bedingungen des Sprechens und Hörens zu ändern, also „nicht Sinn zu stiften, sondern Sinn rekonstruktiv zu befragen und gleichzeitig zu dekonstruieren“.

Emanzipatorische Potenzial Freier Radios könnte bestehen aus:

  • der Entzauberung des Mediums Hörfunk

Indem Freies Radio vorführt, dass jeder Radio machen kann, dass jeder ein Experte des Alltags ist, nimmt es dem Radio in seiner herkömmlichen Form die Aura des allwissenden, immer Recht habenden Mediums.  Zudem zeigt Freies Radio, wie Radio gemacht wird, und entblößt damit seine Techniken, auch die der Manipulation und Verzerrung.

  • der Einbeziehung der Hörer in Debatten (den Akteuren das Wort geben)

Über Ereignisse wird nicht aus einem anderen Blickwinkel berichtet, sondern es wird darüber von denjenigen berichtet, die Akteure dieser Ereignisse sind. Freies Radio ist kein Stellvertreter gesellschaftlicher Kräfte, sondern es erteilt diesen Kräften selbst das Wort. [1977 postulierte die FRED, die italienische Vereinigung demokratischer Radiosender: „Es ist nicht wichtig zu berichten, dass in der Soundso-Schule das Direktorzimmer besetzt gehalten wird; sondern wichtig ist, daß die Schüler, die die Aktion durchführen, es selbst sagen und sich beim Sprechen gleichzeitig über den Sender hören“]

  • der Tatsache, dass sich die Sprache des Freien Radios grundsätzlich von der anderer Radios unterscheidet. Die Sprache des freien Radios ist die Sprache des Alltags, nicht die Sprache des Geschäftsgebrauchs.

Freies Radio lebt von einem ungenauen Sprachgebrauch, der das Nicht-Ganz-Verstehen und das Missverständnis einkalkuliert. Erst dies ermöglicht eine produktive Auseinandersetzung mit den Inhalten des Freien Radios.  So sendet ein Freies Radio keine abgeschlossenen Botschaften, sondern Anstöße für eine Auseinandersetzung, die weitergeführt werden muss.

  • der Tatsache, dass Objektivität nicht die Zielstellung eines Freien Radios sein kann. Freies Radio muss subjektiv sein.

Diese Subjektivität wird vor den Hörenden nicht verschleiert, sondern muss es ihnen ermöglichen, sich mit den Positionen der Sendenden auseinander zu setzen. Freies Radio bietet also keinen alternativen Journalismus an, der den Hörenden zwar sagt, was richtig und was falsch ist, nur eben anders als die anderen Radiosender. Freies Radio macht gar keinen Journalismus. Es kann hingegen grundsätzlich das Verhältnis zwischen Hörerinnen und Macherinnen verändern, indem die Hörerinnen prinzipiell jederzeit zu Macherinnen werden können, indem die Rückkopplung der Hörer in die Sendungen eingeplant ist und der Sender selbst in der Verfügungsgewalt von Macherinnen und Hörerinnen liegt.

Andere Themen kommen heute auch in anderen Medien vor, werden dort aber häufig ihres gesellschaftskritischen Potenzials beraubt. Dieses gesellschaftskritische Potenzial können die Freien Radios ihnen zurückgeben, wenn sie ein Sprechen im Radio aktiv befördern, das Beteiligung ermöglicht und herausfordert. Auf diesem Weg können sie das ihnen innewohnende Potenzial auch einlösen.

[Obwohl es freie Radios seit einigen Jahren fast in der ganzen Bundesrepublik gibt, werden sie von der Kommunikationswissenschaft fast vollständig ignoriert.]

Konstellation – Zerstreuung – Assoziation: Eine Historisierung gestischen Radiohörens (AUS Open House. Kunst und Öffentlichkeit / Art and the Public Sphere, o.k books 3/04, Wien, Bozen)

Zwei Urszenen der Unheimlichkeit des Radios

  • die HörerInnen in ihrer zerstreuten Konstellation
  • die auf viele Geräte identisch zerstreute Stimme

Kracauer: “Das Radio ist Schuld daran, dass die Öffentlichkeit verwaist.” Das Radio zerstreut Kracauers Hoffnung auf die Politisierung der Straße, wie sie mit dem Beginn revolutionärer Bewegungen denkbar war. Mit der Masse war eine neue Öffentlichkeit entstanden, die vielleicht nicht entscheidend war, aber in entscheidenden Momenten die Straße politisieren konnte. Mit dem Radio verfällt diese Möglichkeit, bevor sie geschichtsmächtig werden kann. Die Konstellation der HörerInnen, die zu Hause getrennt voneinander an der Öffentlichkeit des Programms partizipieren, also eine zerstreute Öffentlichkeit darstellen, erscheint als nicht handlungsfähig und somit politisch bedeutungslos.

Günther Stern: “Man tritt aus dem Hause, die Musik des Lautsprechers tönt noch im Ohre, man ist in ihr – sie ist nirgends. Man macht zehn Schritte und die gleiche Musik tönt aus dem Nachbarhause. Nun, da auch hier Musik ist, ist Musik hier und dort, lokalisiert und in den Raum gepflanzt wie zwei Pfähle. Aber es ist ja die gleiche Musik: hier singt X, was er dort begonnen. Man geht weiter – am dritten Hause setzt X fort, vom zweiten X begleitet, vom vorsichtigen X des ersten Hauses leise untermalt.”

Gespenstisch, weil alle Stimmen gleichzeitig und gleichermaßen den Anspruch erheben, die authentische Stimme zu sein. Technische Grundbedingung des Radios: Verteilung der Stimme, Zerstreuung von einem Sender auf unbestimmt viele Geräte

Beide sehen mit Aufkommen des Radios den Verfall einer Kultur des Öffentlichen, beiden ist Zerstreung unheimlich. Auch bei Brecht wird Distribution als Mangel begriffen, den es zu beseitigen gilt: “Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.” So wird das Potenzial der gespenstigen Distribution verdrängt: die Herstellung einer zerstreuten Öffentlichkeit und eine mehr als nur akustische Veränderung von Räumen und Situationen.  Ein Potenzial, wie es unter den Medien allein dem Radio eignet. Aber, Brecht geht es (auch) darum die Distribution selbst umzuwandeln, sie als Kommunikation zu verstehen. Nicht der technische Apparat muss umgewandelt werden, wie Enzensberger liest, sondern die Funktion der Zuteilung.  Sie darf nicht nur “das öffentliche Leben verschönen”, sondern muss *als* Zuteilung die Situation des Hörers verändern und wie Brecht an anderer Stelle schreibt, “seine Wiedereinsetzung als Produzent” realisieren. Nicht von einer Abwertung des Radios ist Brechts Theorie motiviert, sondern von der Kritik an der herrschenden Nutzung, in der die Möglichkeiten der Distribution ungenutzt bleiben.

Aktualität Brecht Analyse: erstmalig wird hier von der Möglichkeit gesprochen, durch das Radio die Hörer in ihrer Konstellation “in Beziehung zu setzen”, sie miteinander in einer freien Assoziation zu organisieren. Aufgabe einer linken Aneignung des Radios ist nicht: Umkehrung des Mediums. Stattdessen: unter der grundlegenden Bedingung des Gespenstischen der Distribution mit der Aneignung zu beginnen.

Wichtige Fragen:

  • In welche Situationen kann das Radio intervenieren?
  • Welche politische Wirksamkeit kann die zerstreute Öffentlichkeit der HörerInnen haben?
  • Wie lässt sich die Konstellation der HörerInnen in eine freie, politisch wirksame Assoziation verwandeln?

Dafür: wären unvorhergesehene Praktiken der Radionutzung zu entwickeln

Roger Behrens: Thesen zur Kritik der kritischen Kommunikationstheorie ( Thesenpapier)

»Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmslos, ist nur der Lärm, der die Stummheit der Gebannten übertönt.« Adorno, ›Negative Dialektik‹.

[als Ideologie drohen »Kommunikation« und »Medien« zu Fetischen zu gerinnen]

Eine kritische Kommunikationstheorie hat zu berücksichtigen, dass der Begriff der Kommunikation selber kritisch ist.

Nicht Kommunikation ist das Ziel, sondern ihre Abschaffung: als Aufhebung und Verwirklichung.

Notwendig ist eine Kritik der Kommunikation als soziales Verhältnis. Sie ist als Kritik der politischen Ökonomie zu begründen

In ihrer Hochzeit kennt die bürgerliche Gesellschaft noch keine Kommunikation in der heutigen Verwendung des Wortsinns (als terminus technicus). Um achtzehnhundert wird nicht ›kommuniziert‹ –> Aufklärung kommt noch ohne Kommunikation aus; heute hat die Kommunikation die Aufklärung ersetzt.

Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist ›Kommunikation‹ wesentlich ein religiöser Begriff und bleibt im Sinne von »Mitteilung«, »Austausch«, »Verkehr«, »Verbindung«, auch »Umgang« und schließlich »Gemeinschaft« auf den Problembereich theologischer Fragen bezogen (z.b Thomas von Aquin).

Das Auftauchen des Begriffs der Kommunikation bei Kierkegaard Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist deshalb interessant, weil sich hier zeigt, inwiefern die Formung des Kommunikationsbegriffs als terminus technicus historisch zusammenfällt mit dem Industriekapitalismus, der »Durchkapitalisierung« der Welt.

Ole Frahm / Friedrich Tietjen RADIO B RICHT

[Die Geschichte des Radio ist die Geschichte von Militär und Industrie]
Frei war das Radio am Anfang nur im Rauschen, das niemand hörte.
Wer mit dem Radio aufgewachsen ist, benutzt es selbstverständlich.

Kommunikation des Radio (Monolog) ist anders als die des Gespräches (Dialog). Beim Funken können die Sendenden kaum darüber bestimmen, wer sie hört. Das erschien lange als Defekt der Funktechnik. Lange wurde nach Methoden gesucht, um zu verhindern, dass ein Sender von mehr Empfängern als jenen gehört wurde, die sie hören sollten.  Das Phänomen [Interzeption genannt] stellte für die militärische Nutzung der Funktechnik ein ernsthaftes Hindernis dar und führte zur begrenzten Freigabe von Frequenzen für die öffentliche Nutzung [auch jenseits der UKW-, MW- und LW-Bereiche, die auf den Skalen der Radiogeräte erscheinen, wird gesendet]

Was im Militärischen der Defekt,  ist die Bedingung des Radio:  wer sendet, ist vielen hörbar. Radio schafft die Masse der vereinzelt Hörenden als gleiche, als Masse, die nicht mehr verbindet als eben die selbe Zeit, als Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer Gegenwart, als diffuses Einheitssubjekt.

Die Übertragung selbst schafft keine genaueren Bestimmungen, keinen Klassenunterschied.  Der Deutschlandfunk wispert in Pförtnerlogen und Chefetagen.  Radio arbeitet mit dem Paradox, sich einerseits
durch seine technischen Bedingungen AN ALLE zu wenden, alle zu meinen; das könnten alle sein, sind es aber nie.

Das Radio scheint, wie die anderen Medien auch, nicht ohne einen Herkunftsmythos auszukommen [ohne den Höhlenmaler von Lascaux kein Comic, ohne Johannes Gutenberg kein Buch, ohne das bitterarme Genie Paul Nipkow kein Fernsehen]

Mythos Radio: 1906 gelingt es Reginald Aubrey Fesselnden Klang, Laut und Geräusch auszustrahlen/ 1908 betreiben ein paar gelangweilte Funker auf der U.S.S. Columbus zur Freude ihrer gelangweilten Kollegen anderer Schiffe für einige Tage den ersten Piratensender mit Musik/ 1909 eröffnet Joseph Herrolds in Kalifornien, den ersten Sender mit regelmäßigem Programm (Musik und Nachrichten)/ Im 1. Weltkrieg wird die Funktechnik von vaterländischen Helden weiterentwickelt und eingesetzt [um den jeweiligen Gegner zu amüsieren, auszukundschaften und zu täuschen]/ 1922 verkauft der lokale sender WEAF in New York zum ersten mal Sendezeit an Werbeleute/ 1923 nimmt in Berlin das erste Funkhaus in Deutschland seinen Sendebetrieb auf/[...]

Die von Medienwissenschaftlern und Medienwissenschaftlerinnen geschriebene Fortschrittsgeschichte vermeidet den Mythos nicht. Der Bericht von der Geschichte Freien Radios ist nicht weniger mythisiert

Drei Beispiele:

1:  “Arbeiterradioklub” der Weimarer Republik:  Forderung nach der Einrichtung eines Arbeitersenders und schließlich 1932 als Piratenradio realisiert (als die kommunistische Presse immer häufiger mittels
Notverordnungen verboten wurde). Die Empfänger organisierten sich und wurden schließlich zu Sendenden.
2: Weil die BBC nach meinung von Radio Caroline nicht für ALLE die musik spielten, die sie hören wollten, installierten sie einen kommerziellen Piratensender. Auch hier entschieden sich Empfänger zu Sendern zu werden, um wiederum empfangen werden zu können. Caroline versuchte nicht, den Apparat zu verändern. Indem Caroline das BBC Monopol durchbrach, war es der erste, wenn auch nicht lizensierte, britische Privatsender und brachte damit deren Lizensierung auf den Weg.
3:  Radio Alice aus Bologna nutzte eine Gesetzeslücke. Alice versuchte (im Gegensatz zu Caroline) den technischen Apparat des Rundfunks zu verändern, indem es ihn mit dem des Telephons koppelte. Jeder Empfänger in der Stadt konnte anrufen und für die Zeit des Telephonats zum Sendenden werden. Das führte zu einer Auflösbarkeit des Programms. [Alice wurde von Polizisten besetzt und nach einem Jahr zum Schweigen gebracht.  Das Sendegerät,  über das viele Stimmen sprachen, wurde zerstört.]

Das heute verbreitete Modell der staatlichen Kontrolle des Sendens (Frequenzvergabe) und des Hörens (vorgeschriebene Plombierung der Geräte, Gebührenerhebung) ist nicht selbstverständlich. Piratenradios erinnern daran. Aber, kein Versuch hat das Paradox des Radioapparats beseitigt. [Immer gab es Sender und Empfänger/ Die Freien Radios der Gegenwart konstituieren sich als lokale Sender, mit einem Programm, dessen Struktur sich von öffentlich-rechtlichem wie Privatem in seinen Bedingungen nicht zu unterscheiden scheint]

Privates Radio:  Alles muss durchgehört werden, jeden Moment kann etwas noch Bedeutenderes [eine noch wichtigere Meldung, ein noch grösserer Hit kommen] Öffentlich-Privates Radio versucht das Paradox mit Hilfe von Einschaltquoten zu verschleiern.

Freies Radio versucht dies politisch zu wenden, wenn es sein Programm als Bestimmung der Gegenwärtigkeit gestaltet. Die so erhoffte Gegenwärtigkeit soll sich als Eingriff in die Geschichte realisieren.

Interzeption wird von den Freien Radios genutzt wie von den öffentlich privaten. (sind beide gebunden an engen Sendraum)  So realisiert, werden Ereignisse zu Mythen von Veränderung einer als kontinuierlich verstandenen Geschichte. Die Leute selber reden zu lassen, alle reden zu lassen, einen offenen Sender zu haben, leugnet die unmöglichkeit deren Realisierung und verschleiert dem Apparat inhärente Machtstrukturen:  Sender oder Empfänger – wer entscheidet,  wer zum Sender wird?

Gängiges Radio erzeugt nicht gerade die Fähigkeit zum handeln, im völligen Gegensatz zum Anspruch Freien Radios, das die One World propagiert, aber auf seiner Frequenz verharrt. Bei Beidem bleiben HÖRER Konsumenten, einmal von Informationen, das andere mal von fair gehandeltem Kaffee.

Während öffentlich-privates Radio das “Ich bin informiert” erzeugt, produziert lokales Radio das “Ich bin dabei” – ohne mitzuteilen, dass solch dabei sein nicht zu haben ist – schon gar nicht durch das Radio, das diese Hoffnung auf Präsenz technisch produziert. Das Globale bleibt Idee. Stattdessen;  Forderung nach einem internationalen Freien Radio. Internationales Radio hat den Anspruch, das Paradox hörbar zu machen.

Während das lokale Radio zur Teilnahme an lokalen Ereignissen auffordert und die Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit feiert,  indem sie deren Effekte auf den abgegrenzten Ort beschränkt, fordert internationales radio andere Handlungen, die Produktion anderer Ereignisse mit nicht abzusehenden Effekten. Entsprechend hat internationales Radio kein Morgenjournal: es ist immer ein Morgenjournal.

Fazit:

Freie Radios müssen, um politisch zu werden, die Produktion phantasmatischer Ereignisse stören,  den Apparat verändern,  von dem es nicht frei zu sein glaubt.

Wer glaubt, es gäbe eine richtige, oder noch lustiger gar keine Manipulation, blendet von der Notwendigkeit der Produktionen als schon vorhandende ab. Freies Radio muss zunächst die Frage beantworten, welche anderen Bedingungen der Produktion innerhalb der bestehenden Produktionen und deren Macht möglich sind. Das ist nicht allein die Frage, wer die Apparate besitzt, sondern wie sie verändert werden können. Das heisst zuerst die Produktionsbedingungen zu bestimmen und die Rezeptionsbedingungen zu verändern. Radio Alice hat bewiesen, dass es Kommunikationsmodelle jenseits des Dialogs gibt,  indem es die Worte der Anrufer,  die Geräusche ihrer Orte über den Sender an viele Orte in der Stadt verteilten,  also den einen Ort vervielfältigte und so neue öffentliche Räume schufen.

Vergleichbare Versuche der zwanziger Jahre, einfach ein Mikrophon auf eine Straße zu stellen und direkt über den Äther zu übertragen, wurde bei Alice das scheinbar nebensächliche, das noch unbedeutende,
das alltägliche hörbar und konnte damit als Aufruhr bestimmt werden. Die Ereignisse hatten damit einen anderen Status:  diskontinuierlich und je zu produzieren. Jederzeit konnte das Programm unterbrochen, abgebrochen werden.  Echtzeit als Produktion einer Einheit wurde für deren Zersetzung genutzt.  Radio Alice stellt sich so als Modell internationalen Radios dar, insofern es nicht einfühlung, sondern Veränderung forderte und Ereignisse nicht linearisierte, sondern deterritorialisierte.  Die Erde muss Bologna 1976 werden.

Bis zum Beginn der Zukunftswerkstatt erscheinen hier in den nächsten Tagen immer wieder Artikel zu Publikationen, Statements und Positionen von den Teilnehmenden. Der erste Artikel in der Kategorie “Input” kommt von Thomas Gottweiss von der studentischen Forschungsgruppe “diskursiv” an der Universität Erfurt. Deren jüngst erschienene Studie “Bürgermedien im Wandel” wird während der Zukunftswerkstatt erstmals  auch der Öffentlichkeit vorgestellt.

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Eine qualitative Studie der Universität Erfurt über die Bedeutung von Bürgerrundfunk und partizipativen Internetplattformen als Zugang zur Öffentlichkeit.

25 Jahre nach dem Sendestart der ersten Offenen Kanäle in Deutschland steht der Bürgerrundfunk vor einer gänzlich veränderten medialen Situation. Beteiligungsangebote im Internet scheinen ähnliche Möglichkeiten zu eröffnen: Einen offenen Zugang und unzensierte Artikulation bei einer anscheinend größeren Reichweite und geringeren Hürden. Diese Veränderung der Medienlandschaft wirft zwangsläufig Fragen nach der weiteren Entwicklung von Bürgermedien auf. Welche gesellschaftliche Bedeutung kommt dem Bürgerrundfunk als etabliertes partizipatives Medium im Vergleich zu partizipativen Internetplattformen als neues partizipatives Medium zu? Was bedeutet dies für weitere Entwicklungsmöglichkeiten des Bürgerrundfunks im Hinblick auf den offenen Zugang zur Medienöffentlichkeit?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen untersuchte die Forschungsgruppe „diskursiv“ der Universität Erfurt produzierende Nutzer des Freien Radios „Radio F. R. E. I.“ (Erfurt), des Offenen Hörfunkkanals „Funkwerk“ (Erfurt) sowie der partizipativen Internetplattformen puffbohne.de (Erfurt) und kassel-zeitung.de (Kassel).

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl partizipative Internetplattformen als auch der Bürgerrundfunk eine Bereicherung für demokratisch verfasste Gesellschaften darstellen. Es hat sich gezeigt, dass durch das Bestehen beider Angebote Menschen mit jeweils unterschiedlichen Affinitäten zu bestimmten technischen Formaten die Nutzung des offenen Zugangs zur Medienöffentlichkeit erleichtert wird. Daher lassen sie sich auch nicht gegenseitig ersetzen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass durch eine Kombination von Bürgerrundfunk und partizipativen Internetplattformen die Gruppe der produzierenden Nutzer erweitert werden kann.

Eine solche Zusammenführung bietet verschiedene Chancen für die Bürgermedien. So können nicht nur Nutzertypen mit unterschiedlichen Vorlieben für Text-, Grafik-, Audio- oder Videobeiträge erreicht, sondern auch Nutzergenerationen mit unterschiedlicher Mediensozialisation zusammengeführt werden.

Außerdem könnten die Vorteile von Programm- und On-Demand-Medien miteinander verbunden werden. Während mancher die Strukturierung durch ein Programm schätzt und die Nachrichtensendung am Morgen zum alltäglichen Ritual wird, schätzen andere die räumliche und zeitliche Flexibilität, die im Internet veröffentlichte Beiträge bieten.

Eine Kombination von Bürgerrundfunksendern und partizipativen Internetplattformen bietet ferner die Möglichkeit die Bekanntheit beider Bereiche steigern, indem über beide Kanäle Informationen und Kontakte zum jeweils anderen Medium verbreitet werden.

Zudem könnten Medienkompetenzangebote gewinnbringend kombiniert werden. Online-Tutorials sind genauso denkbar wie Schulungsangebote zu Internetformaten.

Die Interaktionsmöglichkeiten im Internet könnten einen Diskurs erleichtern und bieten auch eine Chance zu direktem Feedback zu Radiosendungen. Gleichzeitig könnten die räumlichen Möglichkeiten der Bürgerrundfunksender reale Begegnungen ermöglichen und soziale Kontakte stärken.

Auch wenn einige Problemfelder wie Urheberrechtsfragen oder ein möglicher finanzieller Mehraufwand zu bedenken sind, bietet die wachsende partizipative Kultur des Internets daher eine bedeutende Zukunftsperspektive für die Bürgermedien.

Die Studie wurde im Rahmen der Projektstudienphase des BA-Studiengangs Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt durchgeführt. Die Projektgruppe „diskursiv“ (Martin Adam, Juliane Binder, Elise Laatz, Anna Lang, Thomas Gottweiss und Theresa Steffens) hat zwei Semester daran gearbeitet. Am Ende des Forschungsprozesses stand die Abschlussarbeit ihres Bachelor-Studiums.

Das Projekt wurde von Prof. Dr. Friedrich Krotz betreut, dem Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Soziale Kommunikation an der Universität Erfurt.

Als Projektpartner hat die Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) die Studie begleitet und zu ihrer Realisierung entscheidend beigetragen. Publiziert wurde die Studie Anfang 2010 im Band 21 der TLM-Schriftenreihe „Chancen lokaler Medien“.

VISTAS Verlag GmbH 2010
314 Seiten, ISBN 978-3-89158-519-1

Zitation:

Adam, M., Binder, J., Laatz, E. Lang, A., Gottweiss, T. & Steffens, T. (2010): Bürgermedien im Wandel. Eine qualitative Studie über die Bedeutung von Bürgerrundfunk und partizipativen Internetplattformen als Zugang zur Öffentlichkeit. In: Thüringer Landesmedienanstalt (Hrsg.): Chancen lokaler Medien. Modelle, Bewertungen und Anforderungen von lokalem Hörfunk und Fernsehen – zwei explorative Untersuchungen. TLM-Schriftenreihe. Band 21. Berlin: VISTAS Verlag GmbH. S. 17-179.

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AUDIO:

Interview mit Thomas Gottweiss in der Februarsendung des Medienmagazins “Recherche” auf Radio CORAX  über diese Studie.

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