Ich habe mit Neugier und Interesse die Veranstaltungen der Zukunftswerkstatt Bürgermedien in Halle/Saale verfolgt.

Ich komme aus Berlin, wo es bekanntermaßen noch kein Freies Radio im klassischen Sinne gab und gibt, und aktuell eine kleine Hoffnung auf eine Teilfrequenz für einen nicht kommerziellen Lokalfunk besteht. Allerdings gibt es auch unter den 8 oder 9 Antragsteller/innen eine sehr unterschiedliche Auffassung darüber, an welchen Organisationsmodellen sie sich orientieren wollen.

Meine Motivation zu der Veranstaltung zu kommen war u.a. eine intensivere Auseinandersetzung mit den Perspektiven schon bestehender “Bürgermedien”.

Nochmals vielen Dank an die Organisator/innen für den umfassenden Input und die guten Austauschmöglichkeiten. Ich hoffe, dass es unsere Diskussionen hier vor Ort konkretisieren wird.

Ich möchte hier einige persönliche Gedanken mitteilen, die wir noch nicht breiter diskutiert haben, die mich aber seit dem Wochenende beschäftigen.

Die schon etablierten freien Radios haben sich zu Institutionen entwickelt, deren Struktur natürlich stark von der Finanzierung von außen abhängig ist, und nun offensichtlich über diesen Hebel unter Druck gesetzt wird u.a. gesellschaftliche Funktionen zu übernehmen, die sie zum einen Teil tatsächlich schon erfüllen, die aber zum anderen Teil nie ihrer eigenen Zielsetzung entsprochen haben.

Wir hier in Berlin stecken noch immer in einer Phase des Experimentierens, die bei allen anstrengenden Rückschlägen und Nervereien auch einen großen Reiz hat. Das Ausprobieren unterschiedlichster Organisationsformen, Sendeformate, das Mischen von Inhalten und die Auseinandersetzungen der radioaktiven Akteur/innen bietet viel Potential, ist sehr kreativ. Ich denke, daß sich sehr viele Akteur/innen aus diesem Spektrum eine bessere Plattform wünschen, von der aus sie sich professionalisieren können. Allerdings ist damit keine Professionalisierung im klassischen Sinne gemeint, sondern eher eine inhaltliche, technische und strukturelle Weiterentwicklung der emanzipativen Radiokultur.

Wir sollten uns genau überlegen, was es bedeutet unter dem Label Freies Radio in einer Zeit zu beginnen, in der bereits Instrumente zur Ermittlung eines “public value” entwickelt werden, um die Förderung von Bürgermedien später davon abhängig zu machen. Es ist nachvollziehbar, dass Institutionen möglichst genaue Kriterien zur Qualitätskontrolle festschreiben wollen. Für einen grossen Teil der radioaktiven Szene wäre es in dieser Form allerdings ein austrocknen der Kreativität. Man kann sich als Ziel setzen eine gesellschaftliche Relevaz zu entwickeln. Mit einem experimentellen Ansatz sollte man allerdings die Wahl der Kriterien dafür so offen wie möglich lassen, d.h. die Qualitätskriterien sollten sich vor allem an den Fragestellungen und Zielsetzungen der Agierenden orientieren und je nach Ansatz variabel bleiben. Je enger der Rahmen gesteckt ist, desto voraussehbarer wird das Ergebnis. Für mich persöhnlich geht es in dieser Frage um die Gewichtung zwischen Handwerk und kreativer Kultur . Vielen von uns geht es nicht nur um die Perfektionierung des Bestehenden sondern um das Entwickeln neuer Modelle.

Noch ein Nachtrag zum “public value”

(siehe Vortrag Helmut Preissl)

Ich plädiere dafür den größten möglichen Grad an Freiheit anzustreben. Mir graut vor dem was sich in der “public value” Debatte abzeichnet. Während der Veranstaltung wurde mehrmals die Notwendigkeit der Regulation des Äthers festgestellt. Dabei ging es um den Erhalt der Freiräume, die sonst durch die kommerziellen Akteure völlig verdrängt werden. Wenn dann aber die Konsequenz ist, daß die freien, bezw. community Medien zunehmend unter Legitimationsdruck geraten, weil ihnen sonst der Geldhahn abgedreht wird, sind die Realitäten verschoben. Mir kam es vor als würde gerade eine neue Währung erarbeitet. Wer nicht in barer Münze zahlt, zahlt in einem noch zu definierenden gesellschaftlichen Wert. Wenn “public value” überhaupt als ein Kriterium angelegt werden soll, dann möchte ich in Frage stellen, ob man sich mit Geld davon frei kaufen kann.

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1 Kommentar zu „Legitimationsdruck und Utopien“

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